Förderverein zur Erhaltung der Dorfkirche Landin e.V.

Geschichten aus Landin

Hier werden nach und nach Anekdoten aus dem Dorfleben, Geschichten aus früheren Tagen und Erlebnisberichte von Bewohnern und Freunden von Landin veröffentlicht.

Wenn Sie eine eigene Geschichte beisteuern wollen, melden Sie sich bitte beim Förderverein. Wir freuen uns über neue Beiträge!


 

Anne

Eva-Maria und Peter Durchdenwald wohnten im Neubaublock in Landin. Peter Durchdenwald war eigentlich Koch, arbeitete aber bald in der Chefetage der Konsumgenossenschaft des Kreises Rathenow. Nach der Einheit Deutschlands zog Peter Durchdenwald nach Rathenow und arbeitete erfolgreich für eine Krankenversicherung. Eva-Maria und Peter Durchdenwald hatten einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn studierte Jura und führte später eine Anwaltskanzlei in Berlin. Die Tochter Anne verliebte sich in jungen Jahren in einen wunderschönen Klassenkameraden aus Rathenow und dachte mit ihm durch´s Leben zu gehen. Aber die Schönen finden überall andere Schöne und so trennte er sich bald von ihr, was Anne in eine tiefe Krise stürzte. Die Eltern waren bei diesem Kummer recht ratlos, wie man der Tochter helfen sollte, bis ein Freund der Familie vorschlug, Anne ein Jahr als Austauschschülerin in die USA zu schicken. Das heilte ihren Kummer und als sie zurückkam, studierte sie, wie ihr Bruder Jura und sagte nach dem Studium: „Ich bleibe nicht hier, ich gehe nach Irland.“ So mussten die Eltern sie schweren Herzens ziehen lassen. Sie ging nach Dublin und suchte sich dort Arbeit. Als die Tochter Anne ihren 30. Geburtstag feierte, waren natürlich die Eltern in Dublin und feierten mit ihrer Tochter den besonderen Tag. Durch eine Bombendrohung wurde der Flugplatz eine Woche lang gesperrt und die Eltern mussten drei Tage länger als geplant in Dublin bei der Tochter bleiben. „Ich habe aber noch Freunde zur Nachfeier eingeladen,“ sagte die Tochter zu den Eltern, „und mit einem Freund bin ich besonders herzlich verbunden. Ihr könnt ja mal raten, wer es ist?“ Die Eltern fanden natürlich sofort heraus, dass es sich um Jacob O`Callaghan, genannt Jac, handelte und nun beichtete Anne ihren Eltern, dass sie den Jac beim Volleyballspielen kennenglernt hätte und dass sie sich beide sofort ineinander verliebt hätten und dass sie schon standesamtlich in Dublin geheiratet hätten und sie ein Baby erwarte. „Aber die kirchliche Trauung machst Du doch in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, wenn das Baby geboren ist?“, fragte der Vater. „Natürlich,“ erwiderte die Tochter, „die richtige Hochzeit feiern wir in Rathenow.“ Die große Hochzeit mit 80 Gästen erfolgte 2011 in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Der Pfarrer, der ein paar Semester in den USA Theologie studiert hatte, traute Anne und ihren Jacob und zwar in einem zweisprachigen Gottesdienst. Die erste Strophe des Liedes „Nun danket alle Gott“ wurde in Deutsch gesungen, die zweite Strophe in Englisch und so ging es auch in der Trauung, immer erst in Deutsch und gleich danach in Englisch.

1. Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden, der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan.

1. Now thank we all our God with hearts and hands and voices, who wondrrous things has done, in whom his world rejooices; who from our mother´s arms has blest us on our way with countless gifts of love, and still is ours today.

2. Der ewig reiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

2. O may this bounteous God trough all our life be near us, with ever joyful hearts and blessed peace to cheer us; and keep us in his grace, and guide us when perplex´d, and free from all ills, in this world and the next.

3. Lob, Ehr und Preis sei Gott dem Vater und dem Sohne und Gott dem Heilgen Geist im höchsten Himmelsthrone, ihm, den dreiein´gen Gott, wie es im Anfang war und ist und bleiben wird so jetzt und immerdar.

3. All praise and thanks to God the Father now be given, the Son, and him who reigns with them in highest heavern; the one eternal God whom earth and heav`n adore; for thus it was, is now, and sh all be evermore.

Text: Martin Rinckart
(*1586 in Eilenburg - † 1649 in Eilenburg)

Melodie: Martin Rinckart
(*1586 in Eilenburg - † 1649 in Eilenburg)

 
Auch wurde bei der Hochzeit die ¾ jährige Tochter Olivia Emily Rebecca getauft. Danach fuhr die Hochzeitsgesellschaft in ein Restaurant am Semliner See und feierte ein rauschendes Fest. Die Gäste kamen aus Deutschland, England, Frankreich, Italien, den USA, Ungarn und Afrika. Es war ein buntes Völkchen, was in wunderbarer Harmonie dieses Fest feierte, denn Englisch verbindet die Menschen. Am Schluss wurden Luftballons mit Glückwunschkarten an Anne und Jac in den Abendhimmel geschickt und wenn einer die Karte findet, sollte er sie an das frisch vermählte Paar schicken.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.10.2019


 

Der Prozess

Elisabeth Müller mit Sohn Dieter

Elisabeth Müller lebte mit ihren Eltern und dem Sohn Dieter in einem kleinen Häuschen in Landin und versuchte, nachdem ihr Mann 1943 in Russland im Krieg ums Leben gekommen war, so recht und schlecht zurechtzukommen. Ihre Mutter Olga und ihr Vater halfen ihr dabei. Die Mutter hatte eine Krebserkrankung an der linken Schläfe und war von dem berühmten Chirurgen Dr. Wilhelm Reinke in Rathenow „bei klarem Verstand“ operiert worden, wie sie gern erzählte, und präsentierte allen ihre große Narbe. Bei klarem Verstand meinte wohl in lokaler Betäubung. Der Chirurg war wirklich ein Künstler seines Faches, denn er operierte 1930 den Blinddarm mit so einem kleinen Loch in der Haut, dass die heutigen Endoskopie-Operateure vor Neid erblassen könnten. Er hatte ein kleines Krankenzimmer neben seinen Praxisräumen eingerichtet. Wenn er die Operation beendet hatte, trug er jeden Patienten selbst in das Krankenzimmer und legte ihn ins Bett. Viele kuriose Geschichten waren von ihm Umlauf. Als die Frau des Landrates, Alice von Bredow, einmal in seiner Praxis erschien und sich vor ihm aufstellte und sagte: “Ich bin Alice von Bredow,“ meinte der Dr. Reinke, der alle duzte: “Wenn das so ist, kriegst Du zwei Stühle bei mir,“, worauf die adlige Dame fluchtartig seine Praxis verließ und zur Berliner Charité fuhr, wo man sich aber an die komplizierte Operation nicht so recht ranwagte und ihr bedeutete, sie möge doch zu dem brillanten Chirurgen Wilhelm Reinke nach Rathenow gehen. Als sie dann kleinmütig wieder in seiner Praxis erschien, begrüßte er sie mit den Worten: „Na sieh`ste Mädchen, nun hab´ ich Dich ja doch.“

Die Eltern von Elisabeth hatten ein kleines Stückchen Feld neben dem Haus, das sie bewirtschaften und einen riesengroßen Garten. Sie fütterten zwei Kühe und ein paar Schweine und hatte Hühner, Enten und Gänse.
In der Nachbarschaft lebte eine reicher Großbauer Willi Schulze, der mit seiner Frau Mathilde, seinem Bruder Paul und seiner Schwester Else die ganze Wirtschaft bearbeitete. Mathilde war eine bildhübsche Frau und stammte aus Kamern. Man nannte sie überall Tilli. Willi Schulze hatte eine prächtige Kutsche und zwei braune Hengste, mit denen er gern durchs Dorf und nach Rathenow fuhr. Er war auch jedes Jahr zur „Grünen Woche“ in Berlin und schwärmte von diesem Ereignis. Mit der ehelichen Treue nahm er es aber nicht so genau. Eine schöne Witwe mit drei Kindern hatte es ihm angetan, und er war gern bei ihr. Sie hieß Sophia Kaiser und war eine perfekte Hausfrau. Sie konnte wunderbare Torten backen. Wenn ein Bauer im Dorf Geburtstag hatte oder eine Familienfeier anstand, brachte man Mehl, Butter, Eier, Zucker und eingewecktes Obst zu Sophia und sie zauberte Schwarzwälderkirschtorten und Butterkremtorten und andere Köstlichkeiten für die Kaffeetafel. Tilli arbeitete lieber auf dem Feld. Abends gab es in der Familie immer Pellkartoffeln mit Stippe. Die Stippe wurde aus gebratenem Speck mit Zwiebeln und Mehl hergestellt und jeder nahm sich nachdem die gekochten Kartoffeln einfach in einer Schüssel auf dem Abendbrottisch gestellt wurde, eine Kartoffel und pellte sie ab und stippte sie in die Soße und das, Abend für Abend. Willi Schulze war mit seinen Geschwistern und seiner Frau immer verzankt und die Nachbarn wunderten sich, dass sie, obwohl sie wochenlang nicht miteinandersprachen, sich jeden Tag immer auf dem gleichen Feld oder der Wiese zur Arbeit einfanden. Willi bezahlte seine Geschwister Paul und Else für ihre Arbeit. Geld hatte er genug.

Elisabeth Müller hatte inzwischen eine Arbeit als Köchin in der „Bahnhofswirtschaft Rathenow“ im Rathenower Hauptbahnhof gefunden und fuhr jeden Tag auch im Winter mit einem „Hühnerschreck“ zur Arbeit. Als „Hühnerschreck“ bezeichnete man ein Fahrrad, das einen kleinen Benzinmotor zum Antrieb an der Seite angebaut hatte.

Bahnhof Rathenow

Sie war eine fleißige Frau und kochte Soljanka, Kartoffelsuppe und legte das Fleisch für den Sauerbraten ein und machte riesige Schüsseln von Kartoffelsalat, denn Kartoffelsalat mit Würstchen war am Bahnhof der Renner. Siegfried Bading führte von 1946 – 1973 als sparsamer und umsichtiger Mann die Gaststätte und hatte so einen guten Ruf, dass viele Rathenower gern zum Essen zu ihm kamen. In den besten Zeiten hatte er fast 50 Mitarbeiter und die Gaststätte lief jeden Tag bis 22:00 Uhr. Auch am Heiligabend mussten seine Frau und die beiden Töchter Heidemare und Hilke bis nach 22:00 Uhr auf die Bescherung warten, weil der Vater Mitleid mit den Reisenden hatte und sie auch noch am Abend mit Essen versorgte. Er ließ selten Lebensmittel verderben. Morgens tauchte er die alten knochenharten Brötchen in seinen Kaffee und aß sie dann als eine Art Kaffeemüsli mit Marmelade.

Bierdeckel der Bahnhofswirtschaft

Paul Schulze hatte Elisabeth Müller ins Herz geschlossen und an den Sonntagen machten sie oft lange gemeinsame Spaziergänge durch die Wälder und Felder um Landin. Er half ihr auch bei der Feldarbeit, als ihre Eltern das nicht mehr konnten. Reinhilde, ihre jüngere Schwester, war nach Westberlin gegangen und arbeitete dort. Sie heiratete einen Westberliner und bekam einen Sohn. Als sie das zweite Mal schwanger wurde, fragte sie ihre Schwester, ob sie nicht den zweiten Sohn mitaufziehen könnte. Ihr würde das zu viel werden. Elisabeth sagte: „Aber natürlich, das mache ich gern.“ Und so wuchs neben ihrem Sohn ein kleiner Knirps in Landin heran, der auch an ihr hing, als wäre sie seine Mutter und das war sie ja letztendlich auch. Willi Schulze und seine Frau Mathilde starben kinderlos und hinterließen alles dem Bruder Paul. Als auch Else, die Schwester von Paul, starb, wohnte er ganz allein in dem großen Haus. Elisabeth kümmerte sich sehr um ihn. Sie hielt ihm das Haus in Ordnung, sie machte ihm die Wäsche und kochte für ihn und manchmal wohnte sie auch bei ihm. Ihr Eltern waren gestorben, die beiden Söhne gingen ihre eigenen Wege und so fühlte sie sich zu Paul hingezogen, und er nahm ihre Liebe dankbar an. Er sagte zu ihr: „Weißt Du ich habe 100.000,00 Mark auf dem Konto und ich brauche ja nicht mehr viel. Ich bestelle die Notarin und dann mache ich mein Testament zu Deinen Gunsten. Du bekommst das Geld und das Haus und alles, was zum Hof gehört.“ „Wenn Du das so willst, machen wir das so.“ Elisabeth Müller fuhr zur Notarin, Luise Freitag, und bestellte sie nach Landin, denn Paul Schulze sei schon zu alt und gebrechlich, um noch selbst nach Rathenow zu kommen. Die Notarin kam auch pünktlich um 10:00 Uhr nach Landin, wo ihr aber Elisabeth Müller mitteilte, dass Paul Schulze in der Nacht ins Krankenhaus gekommen wäre und am Magen operiert worden sei, so dass der Termin verschoben werden müsste. Elisabeth fuhr natürlich sofort ins Krankenhaus und sprach mit dem Operateur, Dr. Wilhelm Grundmann, der ihr mitteilte. Ihr Freund hätte einen Magendurchbruch gehabt. Ein Magengeschwür sei geplatzt und man hätte einen Teil des Magens entfernen müssen, aber der Paul sei ja ein „harter Knochen“, der würde das schon überstehen. Sie besuchte den Paul auf der Wachstation und sprach mit ihm über den vergeblichen Besuch der Notarin. „Hol doch bitte alles Geld vom Konto und nimm es an Dich, wir bestellen die Notarin, wenn es mir wieder besser geht,“ sagte Paul zu ihr und sie hatte ja schon lange eine Bankvollmacht von ihm. Paul war guter Hoffnung, dass er bald wieder nach Landin könne und sie war getröstet durch seine Worte. Aber sie fuhr doch zur Bank und hob 90.000,00 Mark bar vom Konto ab. Jeden Tag besuchte sie den Paul und brachte ihm frische Wäsche und fragte, ob sie noch etwas für ihn besorgen sollte, aber er winkte nur müde ab und war zufrieden. So recht vorwärts ging es aber doch nicht mit dem Heilungsprozess und Dr. Wilhelm Grundmann erklärte ihr: „Er ist eben schon alt, da dauert alles etwas länger.“ Als sie eines Morgens wieder ins Krankenhaus kam, lag er nicht mehr auf der Station und die Ärzte sagten ihr, er hätte in den frühen Morgenstunden eine Nachblutung bekommen, die nicht mehr zu beherrschen war. Sie weinte bitterlich und sorgte für das Begräbnis und wollte den Haushalt auflösen, als sie von einem Anwalt einen Brief erhielt und ihr untersagt wurde, sich weiter um die Angelegenheiten zu kümmern, denn Verwandte im Dorf seien die legitimen Erben und hatten schon einen Erbschein beantragt. Sie wurde auch aufgefordert, die 90.000,00 Mark zurückzugeben, die sie in ihren Augen widerrechtlich abgehoben hätte. Elisabeth Müller sagte sich: „Ich habe mich um ihn gekümmert, als er alt war. Er hat mich dazu aufgefordert, das Geld abzuheben. Ich habe mir nichts vorzuwerfen,“ und rührte sich nicht. Aber eine Tante und ein reicher anderer Verwandte verklagten sie beim Kreisgericht Rathenow und forderten die Herausgabe der 90.000,00 Mark. Es kam zum Prozess in Rathenow und nun wurde alles noch einmal aufgerollt.

Gericht in Rathenow

Der Richter fragte sie, was sie zu den Anschuldigungen zu sagen habe. Elisabeth Müller erklärte dem Richter, dass Paul Schulze ihr Lebensgefährte war und sie sich um ihn gekümmert hatte und er die Notarin bestellt hätte, damit sie zur alleinigen Erbin eingesetzt würde, dass aber wegen der schweren Erkrankung die Notarin das Testament nicht mehr aufsetzten konnte und Paul habe sie im Krankenhaus beauftragt, das gesamte Geld vom Konto zu holen. Sie habe ja nicht ahmen können, dass er wirklich stirbt, denn die Ärzte wären sehr zuversichtlich gewesen. „Warum haben Sie denn nur 90.000,00 Mark und nicht alles abgehoben?“ fragte der Richter. „Weil ich ja alles erben sollte.“ „Und wo ist das Geld nun?“ fragte der Richter weiter. Elisabeth hob die Achseln. „Na, Sie müssen doch wissen, wo das Geld ist?“ Erneutes Achselzucken. Jedenfalls kam das Gericht zur Überzeugung, dass es der letzte Wille des Verstorbenen war, der Verklagten das Geld zu geben. Die Notarin bestätigte den vereinbarten Termin, der ja dann nicht zustande gekommen war. Die Klage der Verwandten wurde abgewiesen und die Kosten entsprechend dem Streitwert auf 10.000,00 Mark festgelegt. Die Verwandten wurden verurteilt die Kosten des Verfahrens zu tragen und damit waren die restlichen 10.000,00 € Mark auf dem Konto auch dahin, sehr zum Ärger der Verwandten. Die verkauften das Haus und hatten so wenigstens eine kleine Einnahme. Elisabeth freute sich an dem Geld, auch wenn sie lieber ihren Paul behalten hätte, aber im Leben kann man nicht alles haben.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.09.2019


 

Das verschwundene Haus

 
In der Mitte des Dorfes Landin stand vor vielen Jahren ein altes Bauernhaus mit Stallungen und einer Scheune, das der Familie Trägenapp gehörte. Als der Vater 1850 unerwartet starb, verkaufte seine Frau das Gehöft, den Acker, die Wiesen und den Wald an Reinhold Mewes und verließ das Dorf. Sie zog mit ihrer Tochter Lina nach Damme zu Verwandten. Die Bauten wurden nach und nach abgetragen und jetzt ist nur noch eine Lücke davon geblieben. Lina Trägenapp war mit ihrer Mutter nicht gern nach Bamme gegangen, denn sie hatte ihren Freund, Max Brunow, in Landin zurückgelassen. Aber nach ein paar Jahren, wo es nur zu sporadische Treffen der beiden Liebenden gekommen war, holte Max Brunow Lina Trägenapp wieder zurück nach Landin und es fand eine große Hochzeit in der Dorfkirche Landin statt und eine schöne Feier in der Gaststätte Muchow. Max Brunow und seine Frau Lina wohnten in der Steinstraße 2 in Landin und hatten einen kleinen Bauernhof.

Landin, Steinstraße 2


Friedrich Sandberg 08.04.1948
(genannt Fritz)


Hochzeit Evamaria und Fritz Sandberg 29.05.1943

Hochzeit am 19.06.1914
Elisabeth Sandberg, geb. Brunow und Paul Sandberg


Evamaria und Fritz Sandberg mit ihren Töchtern Renate und Adelheid 08.04.1948

Die Schwester von Max Brunow, Elisabeth Frieda Ida Brunow, war am 01.06.1884 in Landin geboren worden und heiratete am 19.06.2014 Paul Otto Friedrich Sandberg, der am 22.04.1884 in Buckow bei Nennhausen geboren worden war.

Am 08.04.1915 wurde dem jung vermählten Paar der Sohn Friedrich Wilhelm Richard Sandberg in Buckow bei Nennhausen geboren. Er wurde aber von den Eltern und Großeltern immer Fritz genannt.

Elisabeth Sandberg wollte sich gerade von ihrem Mann trennen, als der plötzlich und unerwartet starb. Bei einer Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk ginge ihm die Pferde durch, und er wurde von der Deichsel erschlagen. Sie zog ihren Sohn Fritz allein auf und Fritz heiratete am 29.05.1943 in der Dorfkirche Pessin Evamaria Elisabeth Dorothea Bublitz, die am 21.06.1919 in Gruna geboren worden war.

Fritz und Evamaria Sandberg hatten zwei Töchter. Renate und Adelheid. Nachdem etliche Jahre ins Land gegangen waren und Lina Brunow nicht schwanger wurde, entschloss sich das Ehepaar Brunow den Neffen Fritz Sandberg zu adoptieren und ihm das Haus und die Wirtschaft zu überschreiben. Fritz Sandberg zog mit seiner Frau nach Landin und bewirtschaftete den Bauernhof. Er bestellte die Felder und versorgte das Vieh und hielt das Haus in Ordnung. Seine Mutter Elisabeth nahm er mit nach Landin und sie freute sich, dass sie nun wieder an ihrem Geburtsort leben durfte. Sie half, solange sie konnte, auf dem Hof mit und starb am 10.03.1960 in Landin. Es gab viel Arbeit. Die Kühe mussten gemolken werden, die Schweine gefüttert und die Hühner mit Korn versorgt werden. Jedes Jahr wurde ein Schwein geschlachtet und Schlackwurst, Schinken und Speck geräuchert und das reichte dann bis zum nächsten Jahr. Der Garten und die Felder brauchten das Jäten. Die ganze Familie half dabei mit, auch die Kinder. Jeden Nachmittag ging es zum Rübenhacken auf die Felder und beim Heuwenden und Roggenmähen mussten die Kinder auch mit Hand anlegen. Renate hatte die Gänse zu hüten. Es gab immer etwas zu tun.

Es war eine glückliche Zeit für die Familie. Die Töchter gingen zur Schule und hatten Freundinnen gefunden. Damals hatten noch viele Kühe Tuberkulose und Fritz Sandberg infizierte sich bei seinen Rindern und erkrankte schwer. Trotz Therapie verstarb er mit 41 Jahren am 19.05.1957 in Rathenow. Die Mutter mühte sich recht und schlecht den Hof weiterzuführen, aber 1961 gab sie die Wirtschaft auf und zog mit ihren beiden Töchtern nach Dahme (Mark). Die letzten Lebensjahre verbrachte sie in Cottbus, wo sie am 30.01.1988 starb.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.08.2019


 

Annemarie Mewes

eine Lebensgeschichte aus Landin

Annemarie Mewes
(*31.10.1916 – † 05.02.2013)

Frieda Schmidt
Foto von Gustav Nause
(Fotoatelier Rathenow, Bahnhofstr.32)

Annemarie Mewes, geborene Friedrich, wurde am 31.10.1916 in Nennhausen geboren. Ihr Vater, Karl Friedrich, arbeitete zuerst als Postbote in Kotzen und zog mit seiner Frau Frieda Friedrich, geborene Knoop, von Kriele nach Nennhausen. Der Vater fiel im ersten Weltkrieg. Als der Vater gestorben war, zog die Mutter wieder zurück nach Kriele, denn ihr Bruder, der den elterlichen Hof übernehmen sollte, starb mit 23 Jahren. Frieda Friedrich heiratete dann ein zweites Mal - ihren heimlichen Verehrer Paul Schmidt aus Damme.

Kurt Mewes aus Landin

Annemarie und Kurt Mewes
Kirchliche Trauung in Kriele
(10.05.1940)

Annemarie Mewes ging in Kriele zur Schule und lernte ihren späteren Mann Kurt Mewes aus Landin kennen, der am 18.03.1906 in Landin geboren worden war.

Sie besuchte mit 21 Jahren eine Haushaltsschule in Rathenow, wo sie Kochen, Braten und Nähen lernte. Am 10. 05.1940 heiratete sie den Landwirt Kurt Mewes und zog nach Landin.

Am 28.02.1942 wurde die Tochter Ingrid und am 06.07.1943 wurde die zweite Tochter Brigitte geboren.

Frieda Schmidt mit ihrer Tochter Annemarie

Am 24.08.1944 wurde der Vater zum Krieg eingezogen und geriet in russische Gefangenschaft. 1947 kam er wieder nach Landin zurück und bewirtschaftete mit seiner Frau Annemarie bis 1960 den eignen Hof.

Von links: Elfriede Müller, Annemarie Mewes, Kurt Mewes, Hilde Mewes bei der Silberhochzeit von Betty und Karl Ast

Er war doch sehr geschwächt und so blieb die Hauptlast der Arbeit doch bei der Mutter. Annemarie Mewes lachte selten. Sie war eine sehr fleißige, arbeitsame Frau und ihre Hände ruhten nie. Ihr Mann Kurt war ein fröhlicher Mensch und lachte viel. Er war immer für einen Spaß zu haben. Wenn seine Frau nach einem langen Arbeitstag im Winter am Kachelofen einschlief und manchmal auch etwas schnarchte, nahm er seine Zigarre und steckte sie seiner Frau in den offenen Mund. Sie wachte dann natürlich auf und musste husten und schimpfte über ihren Mann, aber die ganze Familie wollte sich ausschütten vor Lachen. Gemeinsam gingen das Ehepaar Mewes unter Druck der Kommunisten auch in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG-Typ I). Es gab in der DDR drei LPG-Typen. Beim Typ I bewirtschafteten die Bauern gemeinsam die Felder; das Vieh blieb aber noch in Privatbesitz. Am 31.10.1960 starb Kurt Mewes an einer Embolie nach einer Krampfaderoperation im Paracelsus- Krankenhaus Rathenow. Annemarie Mewes arbeitete nun allein auf dem Hof mit ihren Kindern.

Als die Töchter aus dem Haus waren, ging die Witwe Annemarie Mewes in die LPG Typ III. In der LPG vom Typ III war dann alles genossenschaftliches Eigentum. Solange Hertha Brunow lebte, ging sie zu den Geburtstagsfeiern der Nachbarin und kam so ein paar Stunden aus dem ihrem Arbeitsrhythmus heraus und in Kontakt mit anderen Dorfbewohnern.

Annemarie Mewes vor ihrem Weihnachtsbaum 1999

Sie ging auch jeden Sonntag in die Landiner Dorfkirche oder im Winter gegenüber zu Hertha Brunow in den Gastraum der „Gaststätte Muchow“, wo die Gottesdienste im Winter stattfanden. Elfriede Müller aus Landin übernahm die Aufgaben einer Kantorin und spielte auf dem alten Klavier zu den Gottesdiensten.

Annemarie Mewes geht zum Gottesdienst

Als Annemarie Mewes 1976 das Rentenalter erreichte, arbeitete sie noch lange in der LPG mit. Sie war rüstig bis ins 90. Lebensjahr und arbeitete im Haus und Garten des eigenen Grundstückes. Plötzlich waren aber die körperlichen Kräfte erloschen. Sie legte sich ins Bett und wurde immer schwächer. Am 05.02.2013 starb sie mit 96 Jahren, hochbetagt und lebenssatt, in Landin an Altersschwäche. Richtig krank war sie eigentlich nie gewesen. Sie wurde von ihren Kindern, zwei Enkelkindern und vier Urenkeln beweint und betrauert.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.07.2019


 

Ein Verkehrsunfall

Luise und Enrico nach der Trauung

Enrico war jung, hübsch und hatte Charme. Er hatte die Gabe, die Mädchen und Frauen des Dorfes für sich zu gewinnen. Sie liebten ihn alle. Er hatte dunkelblondes Haar und wenn er mit seinen blauen Augen die Mädchen anschaute, zitterten sie schon bei seinem Anblick. Er arbeitete auf der Wirtschaft seiner Eltern mit und hatte nur noch eine jüngere Schwester, die aber schon als Baby gestorben war, weil die Mutter noch während sie stillte, ein Abführmittel einnahm, das bei ihrer Tochter tödliche Krämpfe verursachte. Nun konzentrierte sich die ganze Liebe der Eltern auf Enrico, auch wenn er behauptete, seine Mutter hätte ihn so oft verprügelt, dass es für fünf Kinder ausgereicht hätte. Die Eltern Helene und Otto waren fleißige Landwirte und arbeiteten auf dem Hof Tag und Nacht. Nur selten nahmen sie sich Leute dazu, die ihnen halfen und die sie bezahlen mussten. Der Vater trank gern in der Muchowschen Kneipe Schnaps und Bier und kam dann ziemlich betrunken nach Haus, wo ihn Helene schimpfend in Empfang nahm und brummte: “Bist´e schon wieder besoffen?“ Otto lallte dann: „Ick war noch nie in meinem Leben dun, Hest´e mi all ens dun jesehn?“ (Ich war noch nie in meinem Leben betrunken. Hast Du mich schon einmal betrunken gesehn?) Dann lachte Helene und brachte ihren Mann zu Bett. In der Nacht trampelte er gegen das Bettende so gewaltig, dass Helene ihren Mann weckte und fragte: „Mann wat is die denn?“ „Ach,“ sagte er, „bei den Nachbarn hat es gebrannt und ich musste mit den Füßen das Feuer austreten.“ „Das war doch nur ein Traum,“ meinte sie, „schlaf mal weiter!“
Enrico war ein junger Mann geworden und musste in den Krieg (1939 -1945). Er geriet in britische Gefangenschaft und wurde von den Briten in ein Lager nach Ägypten verfrachtet. Von dort schrieb er Briefe an seine Eltern. Helene und Otto weinten, wenn sie die Briefe lasen und waren doch froh, dass er noch am Leben war. Aber er wurde von den Briten bald entlassen und kam zurück nach Landin, wo er den Eltern bei der Arbeit tüchtig zur Hand gehen musste und sein altes Leben wieder aufnahm, als wäre nichts passiert. Einmal traf er aber eine junge Frau aus Friesack, die war nicht nur hübsch und temperamentvoll, die hatte ihm auch, er wusste gar nicht wie, völlig den Kopf verdreht. Sie hieß Rosemarie, war klein und zierlich und hatte braune Augen und lange schwarze Haare, die sie immer im Wind flattern ließ. Er war mit ihr zusammen, so oft es ging, und sie bummelten so ein Jahr dahin. Dann entschloss er sich, Rosi zu fragen, ob sie nicht seine Frau werden wollte? Zu seinem Erstaunen sagte sie: „Nein,“ und blieb auch dabei. Er drang in sie und fragte immer wieder: „Warum denn nicht?“ Und endlich sagte sie ihm. „Du brauchst eine Frau, die auf Eurem Hof tüchtig mitanpacken kann. Mir ist die Arbeit in der Landwirtschaft zu schwer, und es ist besser wir trennen uns jetzt.“ Das war ja alles richtig, was sie sagte, das wusste er wohl, denn die Eltern waren alt und brauchten eine jüngere Kraft auf dem Hof. An Geld fehlte es ihnen nicht. Sie erfüllten immer ihr Soll und verkauften den Überschuss mit gutem Gewinn. Nach dem Krieg kostete ein Pfund Butter zeitweise 400,00 Mark. Enrico war nach dieser Antwort richtig krank, so wie er es noch nie erlebt hatte. Sonst war er derjenige, der sich getrennt hatte und nun war es das erste Mal, dass eine Frau ihm den Laufpass gab, die er liebte, wie noch keine vorher. Er fiel in eine Depression, aus der er aber nach einem halben Jahr wie aus einem Alptraum erwachte und sich sagte: „Ja, Rosi hatte Recht. Er brauchte eine Frau für den Hof.“ Seine alte Mutter bedrängte ihn auch jede Woche nun endlich zu heiraten. So bändelte er mit einer jungen Frau aus der Nachbarschaft an, die die Arbeit auf einem Bauernhof gewohnt war und nach kurzer Verlobungszeit heirateten beide in der Landiner Dorfkirche. Sein Frau Luise arbeitete auf dem Hof und auf den Äckern vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Sie molk die Kühe und fütterte die Schweine. Sie trug die schweren Eimer voll Milch zur Zentrifuge und butterte im Butterfass die Sahne zu vielen Stücken Butter, die dann verkauft wurden. Sie hackte die Rüben auf dem Acker und brachte das Heu und den Weizen mit ein. Sie liebte ihren Enrico herzlich, denn sie wusste nichts von der Vorgeschichte. Sie kannte zwar seinen Ruf als Dorfcasanova, aber wie jede verliebte Frau dachte sie, er hätte sein altes Leben ihr zuliebe aufgegeben. Er war auch ein ausgezeichneter Liebhaber und Luise erlebte die glücklichsten Jahre ihres Lebens. Er war eine Frohnatur, immer zu einem Spaß aufgelegt und er trieb auch seinen Spaß mit den Leuten und lachte viel. Wenn ein Nachbar gestorben war und die Freunde ihn baten, doch zur Beerdigung mitzugehen, antwortete er: „Der geit bei mi ook nich met,“ (Der geht bei mir auch nicht mit.) und blieb zu Haus. Wenn die Nachbarn ihn fragten : „Enrico, wie geht es Dir heute, „ sagte er, „ Immer möh un Appetit of Wost.“ (Immer müde und Appetit auf Wurst.)
Luise war eine stille zurückhaltende Frau, die ihn nur immer bewunderte. Er hatte die Landwirtschaftsschule in Rathenow besucht und sie bildete sich auch fort und machte eine Ausbildung zum Facharbeiter in der Landwirtschaft, aber sie blieb eine einfache schlichte Frau, wenngleich sie jetzt auch reich war. Kaum war sie das erste Mal schwanger, hatte sich Enrico schon wieder an ein sehr junges Mädchen herangemacht und traf sich mit ihr regelmäßig. Seine Frau vernachlässigte er nach der Entbindung aber keinesfalls, sodass sie erneut schwanger wurde und ihm einen zweiten Sohn schenkte. So gingen die Jahre dahin. Seine Liebschafen wechselten, aber auch als er älter wurde, hatte er immer neben seiner Frau eine Intimfreundin. Luise hatte lange nichts bemerkt, aber schließlich kam sie doch dahinter und war wütend. Sie überlegte auch ernsthaft, sich scheiden zu lassen, verwarf aber den Gedanken bald wieder. Sie weinte viel. Enrico rauchte wie ein Schlot. Eine Schachtel Zigaretten reichte oft nicht am Tag. Sie zankte mit ihm rum und sagte: „Wenn Du so weiterlebst, solltest Du wenigstens eine Lebensversicherung abschließen.“ „Mache ich,“ sagte er, und fuhr in die Stadt und schloss eine hohe Lebensversicherung zugunsten seiner Frau ab, sodass sie im Todesfall 1,5 Mio. Mark erhalten sollte. Er hatte jetzt eine junge Frau im Dorf zur Geliebten, die mit ihrem Mann nicht recht glücklich war und in Enrico den Menschen gefunden hatte, der ihr diese glücklichen Stunden verschaffte. Beide dachten dabei nie an Scheidung. Ein halbes Jahr nach Abschluss der Lebensversicherung erkrankte Enrico mit Herzschmerzen und eine alte Ärztin aus Rathenow Conradine Rothenberg kam und untersuchte ihn und sagte:“ Ich verordne Ihnen strenge Bettruhe für eine Woche. Stehen Sie nicht auf und gehen sie nur zur Toilette. Ihr Herz ist stark angegriffen und muss sich erst wieder erholen. Ich schreibe Ihnen Tropfen gegen die Schmerzen auf. Ich komme nächste Woche wieder und untersuche Sie noch einmal. “ „Ja,“ sagte Enrico, „ich mache alles Frau Doktor. Ist es denn so ernst?“ „Machen Sie das, was ich Ihnen sage. Es ist schon eine schwere Erkrankung.“ Enrico blieb zwei Tage im Bett. Die Schmerzen waren weg. Am dritten Tag stand er wieder auf, mistete den Schweinestall aus, rasierte und wusch sich und sagte zu seiner alten Mutter: „Ich fahre mit dem Auto mal schnell in die Stadt. Ich muss auf der Bank noch was erledigen.“ „Aber die Doktorsche hätt di doch für eene Woche Bettruhe verordnet,“ fragte die Mutter erstaunt. „I wo, wat kiehrt mi dat,“ antwortete der Sohn und fuhr mit dem Auto zu seiner Freundin und dann brausten sie in den Wald bei Görne und hielten auf einem einsamen Waldweg, wo Enrico die Vordersitze umklappte und dann machten beide das, was sie am liebsten taten. Doch auf dem Höhepunkt dieser Beschäftigung hörte Enrico plötzlich auf zu atmen, er verdrehte die Augen und sagte keinen Mucks mehr. Die junge Frau schüttelte ihn und rüttelte ihn, aber er bewegte sich nicht mehr. Da befreite sie sich von der Last seines Körpers und lief zur Landstraße und hielt spärlich bekleidet ein Auto an und bat um Hilfe. Der Autofahrer kam mit und fand den nackten Enrico in einer unzweideutigen Stellung, aber tot. Er versprach zum nächsten Dorf zu fahren und Hilfe zu holen. In Landin rief er von der Gaststätte Muchow, wo das nächste Telefon stand, die Polizei an und bestellte einen Krankenwagen. Es gab ja noch keine Handys, und er meldete einen Verkehrsunfall bei Görne. Als die Polizei und der Krankenwagen eintrafen, konnte man Enrico nur noch tot bergen. Ein Herzinfarkt hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet. „Ein schöner Tod“, meinten die Leute. Luise beweinte ihn mit ihren Schwiegereltern und den Kindern und sagte allen, dass Enrico der beste Ehemann gewesen wäre und sie immer glücklich mit ihm war. Sie begrub ihn und betrauere ihn, wie es sich gehörte und freute sich über 1,5 Mio. Mark, die ihr die Lebensversicherung auszahlte. Allerdings wusste sie nicht recht was mit dem Geld anzufangen. Die Familie war eigentlich auch so reich genug.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2019


 

LPG-Vorsitzender Johann Bauer

Katharina und Johann Bauer

Die LPG „Freie Scholle“ in Landin hatte von 1952 – 1970 Johann Bauer zum Vorsitzenden gewählt. Johann Bauer war am 14.12.1906 in Fürstenthal im Kreis Radautz in der Bukowina in Rumänien geboren. Es war eine katholische deutschsprachige Enklave in Rumänien, wo die Menschen mit Waldarbeiten ihr Täglich Brot verdienten. In der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte Siebenbürgen noch zum Königreich Ungarn und die Bukowina war direkt hinter der östlichen Grenze des ungarischen Königreiches gelegen und gehörte wie das noch etwas östlicher gelegene Bessarabien zu Rumänien.
Er besuchte vier Jahre die deutsche Schule in seinem Dorf und ging dann mit seinem Vater schon in den Wäldern der Umgebung, um dort mitzuarbeiten. Er musste auch vier Jahre seinen Wehrdienst in der rumänischen Armee absolvieren. Johann Bauer verliebte sich in Katharina Stadler, geboren am 15.11.1908, die er schon aus der Schule kannte. Sie war inzwischen Hausangestellte bei einer Arztfamilie. 1932 gaben sie sich in er kleinen Kirche in Fürstenthal das Jawort und der Priester segnete ihren Ehebund.

Königreich Ungarn

Römisch-Katholische Kirche in Fürstenthal

Am 24.12.1933 wurde dem Ehepaar die Tochter Anna, am 27.11.1936 der Sohn Rudolf, am 06.05.1939 die Tochter Therese und am 22.10.1940 die Tochter Erika geboren und in der kleinen katholischen Dorfkirche in Fürstenthal getauft. 1940 musste die Familie ihre Heimat verlassen und wurde nach Bollesczyn, Kreis Litzmannstadt (Lodz), umgesiedelt. Dort wurde am 07.08.1943 Otto Bauer als fünftes Kind der Familie geboren. 1945 musste die Mutter mit den Kindern fliehen und kam nach Pessin im Kreis Westhavelland. Dort wurde am 15.08.1945 der Sohn Bernd geboren. Johann Bauer war 1942 von der Wehrmacht eingezogen worden und musste an die Front nach Frankreich, wo er das rechte Auge durch einen Granatsplitter verlor.

1945 geriet er in Amerikanische Gefangenschaft und kam nach der Entlassung nach Landin. Katharina Bauer hatte in Pessin erfahren, dass ihr Schwager Rudolf Gnad Revierförster in Landin war. Er hatte in Fürstenthal (Bukowina) die Schwester ihres Mannes, Ottilie Bauer, geheiratet. Ebenso hatte sich ihr Schwager Karl Gaschler in Landin angesiedelt, der die Schwester Leontine ihres Mannes geheiratet hatte. Johann Bauer wohnte nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 -1945) mit seiner Familie im Schloss in Landin und erhielt durch die Bodenreform etwas Land und baute 1949 ein Neubauernhaus in der Steinstraße 1 in Landin.
Er trat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei und wurde nach der Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Freie Scholle“ deren Vorsitzender.

Johann Bauer (links) in Litzmannstadt

Neubauernhof Steinstr. 1 in Landin

Der LPG-Vorsitzende Johann Bauer (links) mit Iris Hünicke vor dem LPG-Büro in Landin

Mit der SED gab es hin und wieder Reibereien, denn seine Frau hatte bestimmt, dass man nicht aus der Katholischen Kirche austrat, was für SED-Mitglieder ungewöhnlich war, da das Statut der SED das Bekenntnis ihrer Mitglieder zum Atheismus forderte. Am 22.07.1951 wurde die jüngste Tochter Gisela in Landin geboren. Johann Bauer saß im Sommer gern mit seiner Frau vor dem Haus und erzählte mit ihr bis spät in die Nacht.

Familienbild
(von links: Otto Bauer, Bernd Bauer, Therese Bauer, Erika Bauer, Anna Bauer, Katharina Bauer, Johann Bauer)

Nach dem Kriege mussten die Menschen stundenlang ohne elektrischen Strom auskommen. Die so genannten „Stromsperren“ waren für den Familienmensch Johann Bauer schöne Zeiten. Er versammelte alle Familienmitglieder um sich, zündete eine Kerze an und erzählte selbst ausgedachte Geschichten. Sie waren voller Schalk, und die andächtig zuhörenden Kinder merkten erst viele Jahre später, dass der Vater geflunkert hatte. Er sprach viel über den Wald und von den Bäumen, mit denen er in der Bukowina aufgewachsen war. In einer Geschichte erzählte er den Kindern von einem Waldarbeiter, der sich so über etwas erregt hatte, dass er sich die rechte Hand abhackte. Das ärgerte ihn noch mehr, sodass er auch die linke Hand abhackte. Dass das praktisch gar nicht möglich war, fiel den Kindern nicht sofort auf. Er las der Familie auch oft abends Geschichten aus dem Buch „Alitet geht in die Berge“ von Tichon Sjomuschkin vor. Der Roman war 1950 im Moskauer Verlag für fremdsprachige Literatur herausgegeben worden und hatte 1948 den Stalinpreis erhalten. Das Weihnachtsfest war für die Familie immer ein sehr inniges Fest. Am Heiligabend ging der Vater mit den Kindern in seinen Wald und holte den Weihnachtsbaum. Die Mutter schmückte ihn dann am Nachmittag, und abends saß die Familie beim Essen zusammen. Es gab Kartoffelklöße mit einer Soße aus weißen Bohnen mit Rauchfleisch. Während des Essens ging der Vater meist unbemerkt hinaus, und es erschienen vor dem Küchenfenster Weihnachtsgeschenke, die der Vater an der Außenseite des Fensters so vorbeiführte, dass man ihn nicht sah. Es hieß dann immer: „Das Christkind hätte die Geschenke gebracht.“

Die Neubauern hatte ja keine Maschinen und so richtete der Staat zunächst Maschinenausleihstationen (MAS) ein, die später als Maschinentraktorenstationen (MTS) den LPG´n angegliedert wurden. Katharina Bauer war Chefin des Hühnerstalls der LPG, der sich gleich hinter ihrem Haus in der Steinstr. 1 befand. Manche Wirtschaften konnten nicht mehr ordentlich betrieben werden, weil die Besitzer einfach zu alt waren. So hatte der kommunistische Staat für die Landwirte Fritz Sandberg und Otto Hünicke einen Örtlichen Landwirtschaftsbetrieb (ÖLB) gebildet, der von einem externen Landwirt geleitet wurde, um sie zu unterstützen. Als 1952 die LPG „Freie Scholle“ Landin gegründet wurde, kamen dieses Wirtschaften des ÖLB natürlich auch in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG). Die ersten LPG-Mitglieder waren Johann Bauer, Gustav Tietke, Karl Gaschler, Johann Widmeier, Albert Wachs, Berthold Radke und Karl Mutz. Zum LPG-Vorsitzenden wählte man Johann Bauer. Er war mit seinem Hut und der Zigarette eine Institution in Landin. Er fuhr immer mit einem Simson-Moped SR 2 hin und her. Meist bremste er die Fahrt mit beiden Füßen ab. Er organisierte die Zusammenarbeit der Bauern in dem kleinen Dorf. Zunächst waren ja alle Mitglieder der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft im Typ I. Das bedeutete, man bewirtschaftete gemeinsam die Wiesen und Felder und das Vieh hatte jeder noch als Privateigentum. Später gab es aber auch nur noch die Genossenschaften vom Typ III, wo auch das Vieh Genossenschaftseigentum war. Johann Bauer leitete die LPG sehr pragmatisch. Wenn bei den Viehzählungen von den Kontrollkommissionen Unstimmigkeiten festgestellt wurden, stand er zu seinen LPG-Mitgliedern und erklärte die zu geringe Zahl der Hühner mit dem Habicht und die fehlenden Rinder mit Notschlachtungen. Er bewertete diese Statistiken so, wie sie normale Menschen sehen sollten. Sie wurden meist für den Papierkorb produziert, und er mochte keine unnötigen Arbeiten. Die heftigste Auseinandersetzung mit der Regierung führte Johann Bauer in einem Kampf gegen die Rinderoffenställe. Er vertrat zurecht die Auffassung, dass die Kühe im Winter in einen warmen Stall gehören, wenn sie ausreichend Milch geben sollen. Die SED-Kreisleitung blieb bei dieser Kampagne hart und wollte den Neubau der Rinderoffenställe mit aller Kraft durchsetzen. Als er in der SED-Kreisleitung keine Mehrheit für seine Ziele bekam, meinte er wütend: „Dann baue ich Euch eben die Rinderoffenstellen, aber Ihr könnt sicher sein, dass ich alle Wände mit so viel Strohballen abdichte, dass die Landiner Kühe nicht frieren werden.“

Der Staat verließ sehr bald die Forderung nach dem Bau von Rinderoffenstellen, weil die Milchproduktion, wie es Johann Bauer vorausgesagt hatte, in diesem Bereich erheblich zurückging. Johann Bauer war ein fröhlicher Mensch. Er liebte seine Familie und war sehr gesellig. Bei den LPG-Festen, die in der Muchowschen Gaststätte stattfanden, war das ganze Dorf auf den Beinen. Vor der Gaststätte standen Tische und Stühle, und es war auch ein Maibaum aufgestellt. Johann Bauer konnte sehr lustig sein und trank auch mal gern einen über den Durst. Dann sang er ein Lied aus seiner Heimat, der Bukowina, was seiner Frau gar nicht gefiel.

Erika Bredendig, geborene Bauer

Video

Wenn ich meinen Schimmel verkauf`,
dis Geld, des ich kriege, versauf`.
Do sogt mir mein Voder, dis is a Suldot,
der allas vasuffa hot.
Do sogt mir mein Vader, dis is a Soldot,
der alles versuffe hat.

Wer wird, wenn i sterb`, mit mir geh´n?
Wer wird, wenn i sterb`, mit mir geh`n?
Der Schnops und des Bier, die Gläser und s`G´schirr,
Frau Wirtin hatscht* a no mit mir.
Der Schnops und des Bier, die Gläser und`s G´schirr,
Frau Wirtin hatscht* a no mit mir.

Wus wird auf mein Grabstein drauf steh`n?
Was wird auf mein Grabstein drauf steh`n?
Vorbei ist die Not, hier ruht a Suldot,
der ollas versuffa hat.
Vorbei ist die Not, hier ruht a Suldot,
der ollas versuffa hot.

  (*hatscht = latscht)
 

Natürlich trat Johann Bauer bei den Parteiversammlungen der SED immer als Kommunist auf. Er war dem Fortschritt zugewandt und sogar Mitglied der SED-Kreisleitung in Rathenow. Aber im Herzen war ein Christ geblieben. Es gab für ihn andere Maßstäbe im Leben. Dazu hatte er zu viel Lebenserfahrung und seine Biografie, die ihn durch halb Europa in das kleine Landin verschlagen hatte, zeigt ja auch, dass er in vielen Situationen seinen Mann stehen musste und seine Frau Katharina, der die Hauptlast der Erziehung der Kinder in den Kriegsjahren oblag, war eine kluge, fleißige und liebenswerte Frau, die ebenso aufrecht im Leben stand wie ihr Mann. Am 05.12.1978 starb er im Alter von 72 Jahren, beweint und betrauert von seiner Frau und den Kindern. Die Trauerrede hielt Otto Kienscherf, ein Mitglied der SED-Kreisleitung und Sekretär für Agitation und Propaganda in Rathenow. Seine Frau folgte ihm am 06.05.1984 nach und wurde neben ihm auf dem Rathenower Friedhof beigesetzt. Das Requiem für Katharina Bauer hielt der katholische Pfarrer von St. Georg in Rathenow, Helmut Gentz.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2019


 

Die stille Pauline


„Die stille Pauline“ war für die Landiner das Tor zur Welt. Mit der Kleinspurbahn von Rathenow waren die Dörfer Stechow, Ferchesar, Kotzen, Landin, Kriele, Haage und Senzke am Eisenbahnnetz in ganz Deutschland angeschlossen. Sie fuhr von Rathenow nach Paulinenaue, daher der Name „Die stille Pauline“ und eine Abzweigung von Senzke führte auch zur „Stadt Nauen“, wie man früher sagte, denn es gab ja noch das Dorf „Hohennauen.“

Einmal fuhren zwei Landiner, Fritz Mewes und Gerhold Müller mit der Kleinbahn von Landin zur Stadt Nauen, als in Haage ein neuer Fahrgast einstieg und gleich auf Gerhold Müller zuging, ihm die Hand schüttelte und fragte: „Wie geht es Dir denn Gustav?“ „Gut, gut, gut,“ antwortete der Angesprochene. „Was machen denn Deine Frau und die Kinder, Gustav?“ „Auch gut,“ erwiderte er. Als der Fahrgast in Pessin ausstieg, verabschiedete er sich überschwenglich und bestellte noch einmal viele Grüße an Frau und Kinder. Nachdem der Zug wieder angefahren war, sagte Fritz Mewes zu seinem Freund: „Du heißt doch gar nicht Gustav und bist doch auch nicht verheiratet und Du hast auch keine Kinder. Warum hast Du nichts gesagt?“ Gerhold Müller erwiderte ihm seelenruhig: “Ja, das ist alles richtig, was Du sagst. Ich kannte den Mann auch nicht, aber sollte ich mich mit ihm streiten?“

Haltestelle Landin

Für die Bauern war „Die Stille Pauline“ überlebenswichtig, wenn im Herbst die Zuckerrüben zur Zuckerfabrik nach Nauen gebracht werden mussten, für den Transport von Kartoffeln, Korn, Obst und Gemüse und für das Schlachtvieh. Alles transportierte „Die Stille Pauline“ – natürlich auch die Menschen, die zum „Inköpen“ (Einkaufen) in die Kreisstadt Rathenow fuhren. Von dort war es dann auch nur ein Sprung nach Berlin. Es gab richtig schöne Bahnhöfe wie in Stechow, aber auch nur Haltepunkte, die einfach zwischen Feldern lagen und doch keine 1000 m weiter von Stechow schon als „Bahnhof Ferchesar“ bezeichnet wurden. Es gab auch für den damaligen Stress folgendes geflügeltes Wort, das Agnes Barnewitz zugeschrieben wird: „Wäsche wascht, Mann begraven und nach Stadt jeführt“ (Wäsche gewaschen, Mann begraben und in die Stadt gefahren), wobei damit Rathenow gemeint war. Die Besucher des Adels und aller anderen Familien kamen mit der Stillen Pauline nach Landin, aber auch das Dienstpersonal und die Knechte und Mägde für die Bauern, denn es musste ja noch alles mit der Hand gemacht werden und der Bedarf an Arbeitskräften war besonders im Herbst groß.

Eisenbahnzug auf einer Postkarte von Kotzen

Wenn sich Besuch bei den von Bredows angesagt hatte, fuhr der Kutscher zum Bahnhof Landin und holte die Gäste pünktlich ab. Die Besucher hatten ja meistens eine briefliche Korrespondenz vorausgeschickt und „Die Stille Pauline“ war berühmt für ihrer Pünktlichkeit. Man konnte die Uhr danach stellen, auch wenn sie immer auf Gäste, die mit der Bahn in Rathenow eintrafen, wartete. Dem Schaffner wurde Bescheid gesagt, dass man die Tante aus Berlin erwartete und dann konnte man in Ruhe alle Koffer, Kästen und Taschen, es gab auch noch Reisekörbe, in „Die Stille Pauline“ bringen und dann ging die Reise los. Es war ja von Rathenow eine wunderschöne Fahrt durch das Havelland mit seinen Wäldern, Wiesen und Feldern. Ob die Menschen damals dafür Augen hatten, weiß ich nicht, aber heute wäre „Die Stille Pauline“ eine Touristenattraktion. Nach der Landesgartenschau 2006 und nach der Bundesgartenschau 2015 hat es ja eine regelrechte Invasion von Touristen im Havelland gegeben, und ich denke, das wird auch zukünftig ein wichtiges Standbein der Wirtschaft sein. Im Havelland gibt es so manche Sehenswürdigkeit wie die Sieben-Brüder-Eiche in Friesack, der Hochzeitsbaum in Linde und natürlich die Lady Agnes in Stölln. „Die Stille Pauline“ fuhr von 1932 bis zum 31.03.1949 und wurde vom Landkreis Westhavelland betrieben. Sie sollte den Landkreis an die Bahnnetze nach Berlin und Hamburg anschließen. Der Sitz der Verwaltung der Schmalspureisenbahn war in Rathenow.

Schmalspurbahn beim Überqueren des Havelländischen Hauptkanals



Stille Pauline bei Senzke

Erika Piesche (*30.08.1917 - † 10.02.2012) aus Bamme hat ein Gedicht über die Stille Pauline geschrieben.

1. Auf die rasende Pauline
stimme ich mit froher Miene
dieses schöne Liedchen an,
das man leicht behalten kann.

2. Ohne Reichsbahn und Benzin
kommt man nicht mehr nach Berlin.
Helfe, wer da helfen kann!
Die Pauline hat´s getan.

3. Rin in die Paulinenschlange,
denn sie wartet nicht mehr lange,
vorn die Milch und hinten wir,
vorwärts heimwärts! Ab dafür.

4. Erst kommt Stechow früh am Tage
und Ferchesar, Kotzen, Haage,
dampft sie dann in Senzke an,
Junge, da ist alles dran.

5. Die Pauline muss rangieren,
Wasser saufen, Lager schmieren,
warten auf den Gegenzug,
Mensch, da haste Zeit genug.

6. Betty Muchow aus Landin,
lässt sie still vorüber ziehn,
denn der Max ihr, lieber Mann,
kam aus Rathenow heut nicht an.

7. Brennt die Sonne heiß am Himmel,
ruckt Pauline mit Gebimmel
plötzlich ab im vierten Gang,
alles fliegt im Wagen lang.

8. Kriele, Retzow, Selbelang,
immer mang die Wiesen mang,
Ribbeck, Berge und sodann
landen wir in Nauen an.

9. Müde und mit steifen Knochen
kommen wir herausgekrochen,
keiner macht sich etwas draus,
denn jetzt sind wir ja zu Haus.

10. Alles stimme mit mir ein:
„Hoch soll sie gepriesen sein!
Und wir rufen dreimal noch:
„Die Pauline leben hoch!“

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 -1945) wurden die Schienen der Stillen Pauline als Reparationsleistungen abgebaut und in die Sowjetunion (Russland) gebracht und dort sicher eingeschmolzen. Es war ja auch bei den Russen durch den Krieg alles zerstört worden und es war ein schwieriger Wiederaufbau in beiden Ländern zu bewältigen. Man sollte aber die Vision der Wiederinbetriebnahme der „Stillen Pauline“ nicht aus den Augen lassen. Es wäre für den Tourismus wichtig.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2019


 

Der Sägespäneofen

Alwine Jahnke lebte mit ihrem Mann Heinrich und den drei Söhnen in einem kleinen Haus in Landin. Der Mann arbeitete als Kraftfahrer für das Sägewerk Wodke in Rathenow und fuhr einen Tankholzlaster. Der LKW hatte neben dem Fahrerhaus einen runden Tonnenofen, der mit Tankholz befeuert wurde und dadurch ein Gas erzeugte, das den Motor antrieb. Tankhölzer waren Holzstücke vom 20-30 cm Länge und Breite, die extra für den Ofen so geschnitten wurden. Nach dem Krieg 1939 -1945 waren LKW´s rar und jedes Transportmittel hochwillkommen. Im Sägewerk Wodke gab es Sägespäne ohne Ende und man wusste nicht recht, wohin damit? So machten die Menschen aus der Not eine Tugend und die Rathenower Firma „Ofen und Herdbau“ entwickelte einen Sägespäneofen.

Zeichnung: Kathrin Kumbunda

Der bestand aus einem runden Metalleinsatz mit einem Loch unten und einem runden Metallofen mit abnehmbarem Metalldeckel und einem Ofenrohransatz. Unten im Metallofen befand sich ebenfalls ein rundes Loch und darunter ein Metallschubfach. Heinrich hatte von dem Sägespäneofen gehört und seine Frau Alwine bedrängte ihn sofort, so einen Ofen zu beschaffen, denn die Sägespäne bekam er kostenlos von seiner Firma Wodke. Der ganze Schuppen hinter dem Haus wurde nun mit Sägespäne gefüllt und am Nachmittag begann Alwine den Ofeneinsatz mit Sägespäne zu füllen, in dem sie einen Holzstock in das untere Loch des Einsatzes steckte und dann rundherum alles mit Sägespäne vollstampfte. Dann trug sie den Einsatz ins Haus und stellte ihn in den Ofen. Der Stock wurde herausgenommen, sodass eine kleine Luftsäule in dem Sägespäneofen entstand. Sie verschloss den Ofen mit dem Deckel und zündete in dem Schubfach unter dem Ofen mit Papier ein kleines Feuer an, dass sofort die Sägespäne in Brand setzte und der Metalldeckel manchmal sogar glühte, denn der Brand setzte sich von innen nach außen in der Luftsäule fort. Das dauerte die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. Das Wohnzimmer war mollig warm und es war ein sehr sparsames Verfahren. Aber der Mensch ist ja erfinderisch und bald hatte Alwine herausgefunden, dass, wenn sie ein paar Briketts in die Sägespäne legte, der Ofen noch länger heizte. Nur gab es manchmal das Phänomen, dass die Kohle den inneren Hohlraum, der zum Brennen ja notwendig war, verstopfte und es, wenn die Kohle durchgebrannt war, eine kleine Explosion gab und der Deckel des Ofens ein paar Zentimeter hoch flog. Dann war das Zugloch wieder frei und der Ofen brannte normal weiter. Die Familie hatte sich bald daran gewöhnt und fand an den Eruptionen nichts Ungewöhnliches mehr. Ob eine Gefahr für eine Rauchgasvergiftung bestand, interessierte damals keinen Menschen. 1954 sollte der älteste Sohn, Siegfried, konfirmiert werden und der Pfarrer kam an einem Wintertag zu den Jahnkes, um alles zu besprechen. Der Vater hatte vorher mit dem Sohn gesprochen und ihn auf die Bedeutung der Konfirmation hingewiesen. „Wenn ich was sage und es ist wahr, kannst Du es glauben,“ sagte er zu Siegfried und die Mutter ergänzte: “So sieht´s aus.“ Alwine hatte den Sägespäneofen in Brand gesetzt und einen Kuchen gebacken. Nachdem der Kuchen angeschnitten war, fragte der Pfarrer, ob er seine Jacke ausziehen dürfe, denn der Ofen hatte das Zimmer wohl auf 40 Grad Celsius gebracht. Das Gespräch über den Konfirmationsspruch und die wichtige Zäsur im Leben des Sohnes war gerade in vollem Gange, als es eine Explosion gab und der Deckel des Sägespäneofens ein paar Zentimeter nach oben geschleudert wurde. Der Pfarrer hatte sich so darüber erschrocken, dass er kurz vor einem Schock stand, aber die Familie beruhigte ihn und lachte und sagte, das sei ganz normal, denn eine Kohle hätte nun wieder die Brandsäule freigegeben. Es wurde die Funktion des Sägespäneofens erklärt, aber der Pfarrer verabschiedete sich doch hastig, er hätte noch einen Termin. Die Sache war ihm anscheinend unheimlich. Zur Konfirmationsfeier kam er aber dann doch mit seiner Frau, hielt sich aber immer in respektvollen Abstand von dem Ofenungetüm.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.03.2019


 

Die Bötfrau von Landin

Bötfrau Anni

Anna Amalia Fischer lebte mit ihrem Mann und den drei Kindern am Rande des Dorfes in Landin. Ihr Mann war früh gestorben und so bewirtschaftete sie mit ihrer alten Mutter Elsbeth Sydow das kleine Anwesen, als die Kinder aus dem Haus waren. Ihre Mutter war eine „weise Frau“, wie man das so sagte, denn sie sammelte das ganze Jahr hindurch Kräuter, Wurzeln und Früchte und verarbeitete sie zu Tees und heilkräftiger Salben oder Tropfen. Sie hatte Ringelblumensalbe für die schlecht heilenden Wunden. Die Blüten der Ringelblume kochte sie mit Schweineschmalz und goss das flüssige Schmalz durch ein Sieb in kleine Gläser und verabreichte es ihren „Kunden“. Im Haus hatte sie ein kleines Zimmer eingerichtet mit sieben Stühlen auf der einen Seiten und einem Stuhl auf der anderen Seite. Wenn Menschen zu ihr kamen, um ihren Rat einzuholen, setzte sie sich auf den einzigen Stuhl an der Wand, bat ihre Besucher auf der langen Stuhlreihe Platz zu nehmen und fragte: „Wat kann ik voor di duun?“ Manchmal kamen auch aus den umgebenden Dörfern und aus Rathenow Menschen mit allerlei Gebrechen zu ihr. Sie starb mit 89 Jahren und vermachte ihr Wissen an ihre Tochter, die nun die „Bötfrau“ im Dorfe wurde. Anna war oft mit ihr unterwegs gewesen und hatte mit ihr Kräuter gesammelt und kannte sich in den Wiesen, Wäldern und Feldern um Landin aus. Sie war mit der Kunst ihrer Mutter aufgewachsen und da sie eine gute Auffassungsgabe hatte, war sie bald genauso gut, wie ihre Mutter. Das Böten oder Besprechen, wie die Leute sagten, hatte sie nun übernommen. Die meisten Menschen kamen zur Behandlung der Gürtelrose zu ihr. Sie kannte auch den Spruch, um diese Krankheit zu heilen und murmelte ihn während sie die Hand über die die entzündeten Areale führte, für ihre Kunden unhörbar vor sich hin: „Rose, Rose weiche! Flieh in eine Leiche!“ Der Spruch musste dreimal gesprochen werden und dann wurden die Patienten für die nächsten zwei Wochen noch einmal bestellt, sodass insgesamt neunmal der Spruch über der erkrankten Stelle gesprochen wurde. Manchmal, wenn die Gürtelrose sehr schlimm war, empfahlen auch die Ärzte, den Patienten zu einer Böt- oder Kräuterfrau zu gehen. Es gab in den Dörfern in der Umgebung überall Männer und Frauen, die diese Kunst verstanden. Viele Leute kamen auch mit Warzen zu ihr. Dann bestellte Anna die Patienten erneut in einer Vollmondnacht und nahm die betroffene Körperstelle, meistens Hände oder Füße in ihre Hand und sagte einen Spruch. Anni, wie sie im Dorf genannt wurde, hatte schon in allen Haushalten ihr Wissen anwenden müssen. Sie hatte ausgezeichnete Hustentropfen und hatte auch die richtigen Tropfen und Tees, wenn im Alter das Wasser in den Beinen war. Für das Bauchweh der Babys verordnete sie Kümmeltee. Der Doktor aus der Stadt schrieb immer hohe Rechnungen und wer konnte sich das schon leisten außer ein paar reichen Bauern und der Familie von Bredow. So hatte sie ihr Auskommen, denn die Landiner zahlten gern mit Eiern, Gänsen, Enten oder auch mit Kartoffeln oder einem Sack Mehl. Der Förster lieferte ihr für ihre Dienste das Brennholz für den Winter. Sie wurde auch gerufen, wenn die Kühe verkalbten oder nicht mehr fressen wollten. Oft wusste sie Rat, aber das war nur die Ausnahme. Ihre Salben und Kräuter waren doch in erster Linie für die Menschen bestimmt. Die Landiner dankten es ihr auf vielfältiger Weise und verehrten sie bis zu ihrem Tode wie eine weise Frau.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.02.2019


 

Lisa Gretzinger fliegt nach Moskau

Lisa Gretzinger war eine LPG-Bäuerin, die fleißig die Milchsammelstelle hinter ihrem Haus betreute. Ihr Haus stand in der Bergstraße 8 in Landin nur ein paar Schritte von ihrer Arbeitsstelle entfernt. Ihr zu früh verstorbener Mann hatte ihr ein tüchtiges Geldpolster hinterlassen, mit dem sie gut zurechtkam. Die zwei Söhne, Günter und Werner, gingen ihrer Wege und nur Lenchen Lüpke, ihre Schwester aus Spaatz, kam ab und an zu Besuch und brachte ihren Haushalt wieder auf Vordermann. Sie war eine fleißige und gutmütige Frau und versuchte mit allen Menschen in Frieden zu leben. Sie hielt sich auch zur Kirche und kam jeden Sonntag zum Gottesdienst, wenn denn in Landin Kirche war. Sie spielte auch gern Karten und verbrachte viele Sonntage besonders im Winter und wenn es ihre Arbeit erlaubte bei Hertha Brunow und spielte mit ihr und ihren Gästen bis spät in die Nacht Canasta oder Rommé. Ihren Mann hatte sie herzlich geliebt. Er war ein sehr geschickter Mensch und reparierte viel in der kleinen Wirtschaft selbst. Es waren glückliche Jahre für Lisa.

Lisa Gretzinger mit ihrem Mann August am Hochzeitstag 30.11.1946

1975 hörte sie, dass Elfriede und Walter mit Lucie Ulrich aus Rathenow nach Moskau fliegen wollten. Lisa hatte schon immer den Wunsch, einmal in ihrem Leben zu fliegen und so fragte sie die Drei, ob sie nicht mitkommen könnte. „Selbstverständlich kannst Du da mit,“ sagten sie und so wurde ein neuer Koffer gekauft, neue Schuhe und ein neuer Mantel. Dann ging es nach Berlin-Schönefeld zum Flughafen, wo die Reise starten sollte. Lisa hatte eine große Goldkette mit einem Topas umgelegt und gleich beim ersten Sicherheitscheck bimmelte es im ganzen Flughafen, dass ihre Freundin Luci Ulrich schmunzelt rief: „Lisa rück Deine Pistole raus!“ Erst als die Halskette abgelegt wurde, konnte sie ohne Beanstandung das Sicherheitstor passieren. In Moskau wartete ein Bus und eine Reiseleiterin auf die kleine Reisegruppe von 20 Menschen und zeigte ihnen die touristischen Attraktionen. Natürlich musste man zum Mausoleum und dem Lenin die letzte Ehre erweisen. Lange Schlangen von Russen standen vor dem Mausoleum und warteten geduldig, bis sie an der Reihe waren. Die Ausländer wurden immer vorgelassen. Rechts und links standen Soldaten als Ehrenformation und bedeuteten den vorbeiziehenden Menschen still zu sein. Walter hatte mit Eisen beschlagenen Schuhe an, die bei jedem Schritt auf dem Marmorfußboden klirrten, was die Soldaten sichtlich verwirrte. Walter tat aber so, als ob ihn das nicht beträfe. Ein Blick auf den toten Lenin und dann war dieser Akt vorüber und man konnte sich dem Kreml und den schönen Kirchen von Moskau zuwenden. Die Pracht der russisch-orthodoxen Kirchen ist unübertroffen und natürlich lockten die Kommunisten auch ihre Besucher mit diesen prächtigen Bauten an. Die Kathedrale des Heiligen Basilius gehörte dazu, wie eine geführte Metro-Tour, wo man die Pracht der Bahnhöfe bewundern konnte. Am schönsten empfand Lisa den Gesang der russisch-orthodoxen Kirchenchöre. So etwas Schönes hatte sie noch nie in ihrem Leben gehört. Die Reiseleiterin führte sie auch in das Kaufhaus GUM, wo es nur so von Menschen wimmelte. Sie hatte sich bei Luci Ulrich eingehakt und beschaute die Auslagen rechts und links und wandte ihr Gesicht zur Luci und sagte: „Luci kuck mal hier, die Tasche ist doch sehr schön.“ Erschrocken zog sie sofort ihre Hand zurück, denn in dem Gedränge hatte sie sich inzwischen unbemerkt bei einem Russen untergehakt, der ebenso lachte wie sie. Die Reiseleiterin hatte der Gruppe gesagt: „Wenn Sie etwas kaufen wollen, müssen Sie es erst bezahlen und dann zum Verkäufer gehen, der Ihnen die Ware aushändigt.“ Andere Länder - andere Sitten, dachte sich Lisa und kaufte eine Matroschka. Das sind solche bemalten Holzpuppen, in deren Inneren immer eine noch kleinere Puppe enthalten ist. Untergebracht war die Touristengruppe in einem Hotel im Stadtteil Ostankino neben dem 537 m hohen Fernsehturm von Moskau. Der Reisebus holte sie nach dem Frühstück, das in einem Rokokosaal des Hotels serviert wurde, ab und brachte sie auch wieder dorthin zurück. Ein Theaterbesuch stand auf dem Programm und da ging es ins Bolschoi- Theater zum Ballett „Schwanensee“. Es gab wenig freie Zeit. Die Reise war gut durchprogrammiert worden. Manchmal gab es aber doch ein bis zwei Stunden Freizeit im Zentrum der Stadt Moskau, wo die Besucher in Cafés oder in die Kaufhäuser allein gehen konnten oder einfach frische Luft schnappten. Bei diesem Spaziergang hielt ein Auto vor Lisa an. Eine Frau stieg aus und redete auf sie ein. Dabei betastete sie immer Lisa´s Mantel und zeigte ihr Geld. Lisa begriff erst allmählich, dass die Frau ihr den Mantel auf offener Straße abkaufen wollte. Als sie energisch den Kopf schüttelte und sie von sich wies, stieg die Frau wieder in das Auto und fuhr weiter. Lisa und ihrer Begleiter hatten so etwas noch nie erlebt und sprachen noch lange über diesen Vorfall.

von links: Lisa Gretzinger, Elfriede K., Lucie Ulrich und Walter K. in Moskau

Nach drei Tage wurde die Touristengruppe wieder zum Flugplatz Domodedowo gefahren und flog nach Leningrad, wo das Besichtigungsprogramm fortgesetzt wurde. Es ging zum Panzerkreuzer Potemkin, in das Winterpalais und nach Rasliw, wo Lenin angeblich in einer Grashütte gehaust hatte. Auch wurde ein Ausflug zum Schloss Peterhof gemacht. Die Sommerresidenz Peter I. ist ja eine Pracht aus Wasserspielen und Gold. Vor dem Rückflug gab es eine Verzögerung. Es war ein Schaden am Motor des Flugzeugs festgestellt worden und die Touristen schimpften, dass sie ihre Anschlüsse in Berlin nicht mehr erreiche konnten. Ein gut Deutsch sprechender Offizier des Flughafens in Leningrad kam nach den Beschwerden zu der kleinen Gruppe und erklärte, dass man den Schaden beheben wolle und fragte dann hinterlistig: „Oder wollen Sie fliegen mit Defekt?“ Das wollte natürlich keiner. Lisa wollte noch ein paar Brötchen, am Flughafen kaufen, da es Sonntag war und sie in Landin nicht einkaufen konnte. Die Verkäuferin versuchte sie gestikulierend von dem Brötchenkauf abzubringen, aber Lisa ließ sich nicht beirren. Sie kaufte sieben Brötchen. Im Flugzeug kostete sie eines und nun wusste sie, warum ihr die Verkäuferin die Brötchen nicht mitgeben wollte. Sie waren alle mit Sauerkraut gefüllt, was unserem Geschmack nicht so vertraut ist.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.01.2019


 

Babuckes Weihnachtsbaum

Das Haus von Hans-Joachim Babucke in Landin

Der Revierförster von Landin, Hans-Joachim Babucke, wohnte am Ende des Dorfes, aber nicht weit von der Kirche in der Bergstraße 4, in einem kleinen Haus. Er hatte seine Frau Ingelore bei der Ausbildung zum Förster kennengelernt und während er nach der Ausbildung seine Arbeit in Landin aufnahm, leitete seine Frau den kleinen Dorfladen. Die Dorfläden gehörten der Konsum-Genossenschaft in der DDR und deshalb nannte man ihn kurz und bündig den „Konsum.“ Er war als Revierförster von 1965 – 2005 in Landin tätig und wohnt heute noch immer in dem kleinen Häuschen mit Garten und Bäumen in Landin. Bis weit in den Herbst geht er im Lochower See zum Schwimmen und hält sich so fit.

Zu seinen Aufgaben als Förster gehörte die Pflege des Waldes. Das Abholzen und das Neuaufforsten der gerodeten Flächen mussten überwacht werden. Die Beobachtung der Baumschädlinge und die Einleitung von Bekämpfungsmaßnahmen gehörte auch zu seinen Aufgaben. Natürlich fütterte er in harten Wintern auch die Rehe und Hirsche, die es in der Region gab. So war in den ersten Jahren der DDR auch den Kindern auferlegt, Kastanien und Eicheln zu sammeln, damit man etwas Kraftfutter für die Waldtiere im Winter hatte und ein paar Pfennige für das Taschengeld dazubekam. Aber das war nur ganz selten der Fall, denn bei normalem Winterwetter in Brandenburg fand das Wild ausreichend Futter. Sein Beruf als Förster machte ihm Spaß. Er kam auch mit seinen Kollegen gut zurecht.

Er achtete auf die Wildschweine und die Füchse in seinem Bereich, aber Wild gehörte eigentlich nicht zu den Aufgaben der Förster. Das Wild und die Bejagung kontrollierten in der DDR die Jagdgesellschaften. Hans-Joachim Babucke war Mitglied in einem Jagdkollektiv. Der Jagdleiter von Landin, Willi Gnad, hatte die Waffen unter Verschluss und verteilte sie an die Mitglieder des Jagdkollektivs bevor es zur Jagd ging. Für die Jagdleiter war jeglicher Kontakt mit Leuten aus Westdeutschland verboten. Als Willi Gnad Besuch von seinen Verwandten aus der Bundesrepublik erhielt, wurde ihm die Leitung des Jagdkollektivs entzogen und an Hans-Joachim Babucke übertragen. Für Hans-Joachim Babucke änderte sich kaum etwas. Vorher hatte er seine Waffe von Willi Gnad bekommen und jetzt gab er an Willi Gnad die Waffe heraus. Und Jagen war ja den Jagdgesellschaften vorbehalten. Privatjäger waren in der DDR kaum bekannt. Die Jagdgesellschaften hielten das Schwarzwild kurz. bekamen auch manchmal einen kapitalen Hirsch zum Abschuss frei. Nach der Einheit Deutschlands (1990) gehörte dann auch die Jagd zu seinen Aufgaben.

Oben von links: Revierförster Jens Deparade (Ferchesar), Revierförster Michael Austen, (Kleßen)
Mitte von links: Revierförster Rolf Deparade, (Haage), Revierförster Hans-Joachim Babucke, (Landin), Revierförster Langheinrich (Zootzen)
Unten von links: Revierförster Lothar Mrotzeck (Ferchesar), Oberförster Hans Behrend (Rathenow), Revierförster Walter Schubert, (Zootzen)

Geweih eines Rothirsches, Ungrader Vierzehnender

Im Advent warf Hans-Joachim Babucke zwei Fichten über den Torweg der Gaststätte Muchow in Landin, den einen für die Gastwirtschaft und den anderen zur privaten Nutzung. Er selbst hatte für sich einen wunderbaren Baum ausgesucht, eine Fichte, die seine Frau besonders liebte. Schon der Geruch von Tannengrün versetzte sie in vorweihnachtliche Stimmung. Oft ging er in die Schonung, wo die Fichte stand und besuchte seinen Baum, den er auch mit einem roten Band kennzeichnete, damit jeder sehen konnte, dieser Baum war für den Förster bestimmt. An heißen Sommertagen brachte er dem Bäumchen auch eine Kanne Wasser mit und tränkte es tüchtig. Er hatte seine Freude an der gut gewachsenen Fichte und konnte keine Fehler an ihr finden. Vorfreude ist ja die schönste Freude und so war Hans-Joachim Babucke fröhlich, wenn er in die Nähe dieses Wäldchens kam.

Anfang Dezember holte er schon die Weihnachtssachen vom Boden und schaute nach, ob alles in Ordnung war. Es gab auch eine Weihnachtskrippe bei Babuckes mit geschnitzten Holzfiguren und fast jedes Jahr musste etwas repariert werde. Mal war das Dach vom Stall in Bethlehem defekt, mal fehlte einer Krippenfigur ein Arm, den er wieder anklebte. Am 23.12. ging er dann mit Säge und Axt in den Wald, um seine Lieblingsfichte zu fällen. Dann wurde der Baum in den Ständer gestellt und bis zum Heiligen Abend noch auf dem Hof stehengelassen. Während seine Frau am Heiligabend in der Küche stand und alles für das Weihnachtsfest vorbereitete, hatte er die Aufgabe den Weihnachtsbaum zu schmücken. Dann wurden die alten silbernen Kugeln angehängt und eine silberne Spitze aufgesetzt und die Lichterkette um den Baum gelegt. Er hatte auch eine Silbergirlande, die er kunstvoll um den Baum wickelte. Zum Schluss kam das Lametta und dann stand der Baum in aller Pracht und Herrlichkeit bis zum Heiligen Dreikönigstag am 05.01. des neuen Jahres im Wohnzimmer und erfreute die Familie. 1973 war das wie in jedem Jahr. Er hatte seine auserwählte Fichte mit einem roten Band gekennzeichnet und besuchte sie das ganze Jahr so oft es ging. Als er am 23.12. das Bäumchen holen wollten, war ihm ein Dieb zuvorgekommen und hatte seinen Lieblingsbaum schon abgesägt. Er war wütend und musste nun einen anderen Baum suchen und mit nach Hause nehmen. Er schaute nach Weihnachten in alle Stuben der Landiner, ob er seinen Baum irgendwo finden würde, aber es hatte wohl ein Rathenower seinen Baum entwendet. Er war im Advent schon viel im Wald gewesen, aber die Weihnachtsbaumdiebe waren schlau und hatten ihm ein Schnäppchen geschlagen.

Fichtenschonung

Der Ersatzweihnachtsbaum

Das ganze Fest war dadurch für ihn verdorben, aber seine Frau tröstete ihn und sagte, sie finde diesen Ersatzbaum dieses Jahr besonders schön. So beruhigte er sich allmählich wieder und es wurde dann doch noch ein schönes Fest. Am Heiligabend gab es Kartoffelsalat mit Würstchen und zum Weihnachtstag eine Wildgans mit Rotkohl und Kartoffeln und als Nachtisch Birnenkompott. Seine Frau hatte auch einen Apfelkuchen gebacken und Kekse, sodass dann alles doch in weihnachtlichem Frieden harmonisch endete.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.12.2018


 

Das Wehklagen im Schloss von Landin

Landiner Schloss

Es wird berichtet, dass im Schloss in Landin in einer Ecke ein großer Findling vermauert wurde. Er war auf den Feldern in der Umgebung gefunden worden und mit einem Fuhrwerk beim Schlossbau nach Landin gekommen und wurde als Eckstein vermauert. Viele kleinere Findlinge und Feldsteine bildeten das Fundament der Schlossmauern, was einen guten Schutz gegen die aufsteigende Nässe aus der Erde war. So lebten denn die von Bredows in gutem Frieden mit allen Bauern und Lohnarbeitern in dem kleinen Landin. Das Leben wurde von den Jahreszeiten und den kirchlichen Festen diktiert. Saat und Ernte, Frost und Hitze wechselten sich ab und ließen die Jahre dahinfließen.
Einmal verliebte sich ein junges adliges Fräulein in einen armen Kuhhirten. Es war eine heimliche Liebe, denn die Eltern hatten schon einen anderen standesgemäßen Bräutigam für sie ausgesucht. Aber das junge Fräulein Eleonore weinte viele Tränen über diesen Plan und konnte von ihrem geliebten Franz nicht loskommen. Als sie merkte, dass sie von Franz schwanger geworden war, wusste sie sich nicht anders zu helfen, als das Neugeborene im Keller unter dem großen Findling zu begraben. Sie musste dann wirklich einen adligen Cousin aus Görne heiraten und bekam noch viele Kinder. Die Trauer um ihren Geliebten und um das unschuldige Erstgeborene blieb aber ihr ganzes Leben lang erhalten. Sie vergoss viele Träne über ihr grausames Schicksal und beweinte oft ihr totes Kind unter dem Stein. Als Eleonore gestorben war, vernahmen die Menschen im Schloss ein leises Wimmern und konnten die Ursache nicht finden. Auch in den Häusern um das Schloss war dieses Wehklagen zu hören. Man forschte nach der Ursache, aber es ließ sich nichts Ungewöhnliches im Schloss entdecken. Das Wimmern und Wehklagen ließ nach einer gewissen Zeit wieder nach. Aber jedes Mal, wenn ein Mensch im Schloss im Sterben lag, ertönte das Wimmern und Wehklagen erneut. Es kam, so hatten die Bewohner herausgefunden, von dem großen Findling in der Ecke. So ging es viele Jahre bis 1945 das Schloss zerstört wurde. Seither hat niemand mehr davon gehört.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.11.2018


 

Eine Silberhochzeit in Landin

Silberhochzeitgesellschaft  Anna und Arnold Brunow am 03.10.1924 in Landin

Arnold Emil Gustav Brunow und seine Frau Anna Pauline Luise Muchow hatten sich am 03.10.1899 in der Dorfkirche Landin das Jawort gegeben. Anna Brunow war die Tochter des Gastwirtes Ferdinand Muchow in Landin. Natürlich hatte sich der Vater von Anna Brunow, es sich nicht nehmen lassen, die Hochzeit seiner Tochter in seinem Restaurant zur Erholung in Landin auszurichten. 25 Jahre später feierte das Paar am 03.10.1924 seine Silberne Hochzeit in Landin. Anna Brunow war mit ihrem Mann nach der Hochzeit 1899 nach Berlin gezogen, wo Arnold Brunow als Straßenbahnführer arbeitete. Sie hatten eine Wohnung in der Holzmarktstraße 10 und wohnten in der Nähe vom Alexanderplatz, was für die Familie ziemlich bequem war.
Die Silberhochzeit wurde natürlich wieder in Landin gefeiert. Die Geschwister von Anna Brunow waren bei der Feier dabei. Ihr Bruder Max Muchow mit seiner Frau Hedwig und ihre Schwester Betty Ebel, geborene Muchow, mit ihrem Mann Max. Der Pfarrer hatte die Segnung des Jubelpaares im Hause vorgenommen und hatte eine kleine Andacht mit der Hochzeitsgesellschaft gefeiert. Der Silberbräutigam hatte auch ein schönes Gedicht für seine Frau geschrieben:

Der Bäutigam an seine Braut

Zwei Bächlein von den Bergen fließen,
geht jedes seine eigne Bahn,
bis Schöpfermächte es beschließen, dass sie gemeinsam sich ergießen,
ziehn Hand in Hand zum Ozean.

Als ich in Deiner Jugend Prangen,
mein Schatz, Dich sah so hold und fein,
trieb mich ein still und stark Verlangen,
bin diesem Ziel nur nachgegangen,
dass Du für immer wärest mein.

Dem Mann halfst Du das Glück dann schmieden,
des Hauses Zierde warst Du mir.
Du bist die Ruh, Du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden;
mein Silberschatz, wie dank ich Dir.

Mit jedem der fünfundzwanzig Jahre
hat ich Dich immer lieber noch.
Legt man mich einst auf eine Bahre,
ich bin gewiss, dass ich erfahre
eine Wiedersehen droben doch.

Komm Tod, wir warten Dein mit Frieden,
schließ ab den flücht´gen Lebenslauf;
schließ auf, was droben uns beschieden,
wozu wir reiften nur hinieden.
Die Liebe höret nimmer auf.

Zum Mittagessen wurde ein Silberhochzeitsgeschirr verwendet. Dieses Geschirr wurde extra zur Silberhochzeit hergestellt und das erste Mal benutzt. Das Menu war dem Festtag angemessen. Nach der kirchlichen Zeremonie wurde die Suppe kredenzt, die aus einer herzhafte Rindfleischbrühe mit Möhren und Zwiebeln bestand. Als nächster Gang wurde ein Eiersalat in einer Pastetenteigummantelung serviert. Und dann folgte ein Entenbraten mit Rotkohl und Kartoffelklößen. Als Nachtisch gab es Mirabellenkompott mit Sahne. Dazu wurde Moselwein getrunken oder Bier.

Der Familie war ja nicht arm. So eine kleine Gastwirtschaft und ein bisschen Land und Wiesen dazu, wo die Landwirtschaft gedieh, brachte doch mehr ein, als man zum Leben brauchte. Es gab ja auch im ganzen Dorf keine Konkurrenz und so gehörte Gaststättenbetreiber doch zur Oberschicht im Dorf, nur übertrumpft von ein paar Bauern im Ort. Nach dem Mittagessen wurden alle eingeladen den Garten zu besehen und in den Ställen das Vieh zu begutachten. Es standen zwei Pferde, sieben Kühe und drei Schweine im Stall vom Federvieh gar nicht zu reden. Dann fanden sich alle wieder zur Kaffeetafel ein. Die Hausfrauen hatten drei Kuchen gebacken, Bienenstich, Streusselkuchen und Apfeltorte. Die Apfeltorte war zuerst alle, denn sie wurde wegen des säuerlichen Geschmacks besonders geschätzt. Das Silberhochzeitsgeschirr war extra zur Silberhochzeit aus feinem Porzellan hergestellt worden.

Anna und Arnold Brunow als Silberhochzeitspaar

Auf der Kaffeekanne stand „Zur Silberhochzeit“ und auf der Kuchenplatte auch. Jeder Kuchenteller war mit dem gleichen Spruch verziert:

Es mög wie Silber
hell und rein
Der Abend Eures
Lebens sein.

Zum Abendessen hatte die Hausfrau einen großen Topf Gulaschsuppe gekocht. Dazu gab es Butter und Brot und eine Käseplatte. Es war ja Herbst und die Weintrauben, Äpfel und Birnen waren reif und wurden den Gästen auf großen Obstschalen angeboten. Die „Gute Luise“ wuchs im Muchowschen Garten und war immer im Oktober reif, was natürlich für die kleine Feier gerade recht kam. Ein großer Korb mit den Birnen stand neben dem Esstisch auf einem Stuhl und die Gäste bedienten sich reichlich davon, auch wenn sie am nächsten Tag, manche auch schon nach Stunden, die durchschlagende Wirkung bemerkten.
Das Silberpaar hatte auch Musikanten bestellt und so wurde auch getanzt und die Gäste staunten nicht schlecht, wie der Silberbräutigam mit der Silberbraut Polka tanzte. Es wurde viel erzählt von alten Zeiten und vom Kaiser, den es nicht mehr gab, von den Nachbarn und den Schicksalen, die ein jeder so erleben musste. Es gab auch Gäste dabei, die ununterbrochen Witze erzählten, so dass die Gesellschaft aus dem Lachen gar nicht mehr herauskam. Gegen dreiundzwanzig Uhr neigte sich die Silberhochzeit aber dann doch dem Ende zu. Man verabschiedete die Nachbarn, räumte noch etwas auf und um Mitternacht lag das ganze Haus und seine Gäste schon in tiefem Schlaf.

 
© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.10.2018


 

Drei Freundinnen auf der Wartburg

Charlotte Jungnickel, Hertha Brunow und Margarethe Brunow beim Tanzstundenabschlussball in Berlin

Margarethe Brunow, Charlotte Jungnickel und Hertha Brunow sind in Berlin eingeschult worden und blieben zeitlebens Freundinnen. Wenn Ferien waren, kamen die drei Freundinnen oft zum Großvater von Hertha nach Landin und verlebten da ihre Ferien. Die Schulbank drückten sie aber gemeinsam in Berlin und wurden auch dort vom gleichen Pfarrer in der gleichen Kirche konfirmiert. Das Leben führte sie dann doch ganz verschiedene Wege. Charlotte Jungnickel arbeitete in Berlin in einer Glaserei und war für die Buchführung verantwortlich. Sie hat nie geheiratet und lebte mit ihrer Mutter zusammen, die sie bis zum Tode pflegte. Margarethe Brunow heiratete einen Offizier, der im Zweiten Weltkrieg nicht mehr aus Afrika zurückkam. Hertha Brunow hat ihr Leben in Landin aufgebaut. Ihr Freund blieb ebenfalls im Krieg und so lebten die drei Frauen ungebunden, was sie aber nicht hinderte, sich regelmäßig zu treffen, meistens in Landin.

Die schönsten Erinnerungen hatten die drei Freundinnen an Landin, wo sie jung und unbeschwert auf dem Hof des Gastwirtes Ferdinand Muchow Ferien machten. Wenn man jung ist, ist ja alles zum Lachen. Man fühlt sich wohl und es ist ganz und gar egal, was der Nachbar erzählt, das Lachen lässt sich nicht unterdrücken. Natürlich mussten sie auch alle drei bei der Ernte helfen, aber das störte die Fröhlichkeit in keiner Weise. Hertha Brunow war von den drei Freundinnen die Unternehmungslustigste und hatte immer neue Ideen für Ausflüge und Fahrten ins Blaue. Sie war die Einzige, die durch ihre Familie etwas Vermögen hatte und so bekam sie auch in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts einen Mercedes, den sie mit ihrem Fahrschullehrer persönlich aus Untertürkheim abholte.

Glückliche Jahre in Landin

Das neue Auto in der Garage in Landin

Der Mercedes mit der Nummer IE-II3I42 fuhr nun über die Straßen des Havellandes. Hertha schlug ihren Freundinnen vor, sie auf eine Reise zur Wartburg zu begleiten und im September 1937 trafen sich alle in Landin mit gepackten Koffern und dann brauste Hertha mit ihren Freundinnen los. Charlotte hatte den Conti- Atlas auf den Knien und dirigierte Hertha erst einmal nach Magdeburg, wo der Dom besichtigt wurde, ehe man ins Domhotel eincheckte. Die nächste Tour ging bis nach Eisleben und dann nach Weimar, wo die Wohnhäuser von Goethe und Schiller besucht wurden.

Die Wartburg bei Eisenach

Ludwig auf der Jagd – Warte Berg, du sollst mir eine Burg werden

Dann erreichten die drei jungen Damen Eisenach und fuhren bis zur Wartburg. Nach der Sage soll Graf Ludwig der Springer († 1123) von der Schauenburg bei Friedrichroda bei einer Jagd den Berg entdeckt und sich in ihn verliebt haben. Die Gegend gehört dem Grafen von Frankenstein. Der Graf Ludwig soll beim Anblick des Berges gerufen haben: „Warte Berg, du sollst mir eine Burg werden.“

Er ließ von seinen Untertanen Körbe mit Erde von der Schauenburg auf die Wartburg bringen und dort ausschütten. Als die Frankensteiner das Land für sich reklamierte, schwor Graf Ludwig der Springer vor dem König, dass die Erde ihm gehöre, auf dem er die Wartburg errichten wollte. 12 Mitstreiter des Grafen stießen dazu ihre Schwerter in den Boden und beschworen, dass das Land dem Grafen Ludwig gehörte, was ja durch den Trick nicht ganz falsch war, aber eben doch nur eine List war. 1131 wurde der Sohn Ludwig des Springers, Ludwig I., vom Kaiser Lothar III. zum Landgrafen ernannt. Landgraf Ludwig II. (Regierung von 1140-1172) war der bedeutendste Bauherr für die Wartburg. Im Palas der Wartburg befindet sich ein großes Wandgemälde von Moritz von Schwind, das den „Sängerkrieg“ auf der Wartburg darstellt. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Minneliederdichter Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach. Wolfram von Eschenbach war 1203 am Thüringer Hof. Er ist bekannt als Dichter des „Parzival.“ Dieses mittelalterliche Epos diente Richard Wagner als Vorlage für seine Oper „Parzival.“ Auf der Wartburg wurde ein künstlerischer Wettstreit darum ausgetragen, wer in seinen Dichtungen am besten den Fürsten und die Fürstin loben könne. Walther von der Vogelweide hat dabei ein sehr berühmtes langes Gedicht (Reichsklage) geschrieben, dass so begann:

Ich saz uf eime steine
Und dahte bein mit beine,
dar uf satzt ich den ellenbogen
ich hete in mine hant gesmogen
daz kinne und ein min wange
do dahte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben
deheinen rat kond ich gegeben.

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine,
darauf der Ellenbogen stand,
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dacht ich sorglich lange,
dem Wettlauf nach und irdischem Heil
doch wurde mir kein Rat zuteil.

Der Volksmund machte daraus:
„Ich saß auf einem Steine und dachte so an Dich, da sah ich eine Rose und ein Vergissmeinnicht.“ Der Wettstreit ging für den Verlierer tödlich aus. Da keine eindeutige Entscheidung getroffen werden konnte, wurde der Magier Klingsor aus Ungarn gerufen, der auf eine Wolke zur Wartburg kam.

Sängerkrieg auf der Wartburg

Im Festsaal der Wartburg wurden immer große Konzerte veranstaltet und der König Ludwig von Bayern war so von ihm angetan, dass er ihn im Schloss Neuschwanstein als Kopie errichten ließ.

Eine andere Legende berichtet, dass Elisabeth von Thüringen, die Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn war und mit dem Landgrafen Ludwig 1211 vermählt wurde. Sie war vier Jahre und Ludwig elf Jahre alt. Elisabeth schenkte ihrem Mann drei Kinder und war sehr mildtätig. Ludwig hatte von seinem verschwenderisch lebenden Vater Hermann 1217 ein bettelarmes Land übernommen.

Während Elisabeth milde Gaben verteilte, musste er knausern und sparen. Als sie eines Abends wieder mit einem Korb voll Brot zu den Armen gehen wollte, sprach er sie an und fragte sie:“ Was hast Du unter dem Tuch in Deinem Korb?“ Sie antwortete: „Rosen“ und als ihr Mann das Tuch zurückschlug, waren in der Tat nur Rosen in dem Korb. Dieses so genannte „Rosenwunder“ ist viel beschrieben und bedichtet worden.

Festsaal auf der Wartburg

Elisabethkemenate

Die bekannteste Persönlichkeit auf der Wartburg, die auch die größte Ausstrahlung auf die ganze Welt hatte, war aber Martin Luther. Der Kurfürst von Sachsen Friedrich der Weise hielt Martin Luther, verkleidet als „Junker Jörg“ auf der Wartburg versteckt, nachdem der Papst ihn mit dem Bann und der Kaiser mit der Reichsacht belegt hatten, was einem Todesurteil gleichkam. Er musste sich auch einen Bart wachsen lassen. Eine Besichtigung der Wartburg mit der Lutherstube, wo Martin Luther als „Junker Jörg“ das Neue Testament der Bibel aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt hatte und damit die deutsche einheitliche Sprache begründet hat, war selbstverständlich Bestandteil der Reise. Durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern des Johannes Gutenberg im Jahr 1450 verbreitete sich die deutschsprachige Bibel in Windeseile über den ganzen deutschsprachigen Raum. Bei der Übersetzung soll Luther auch den Teufel gesehen haben. Er warf in seiner Stube ein Tintenfass nach ihm, wovon noch ein schwarzer Fleck an der Wand zu sehen war. Den hat man im Laufe der Zeit weggeputzt. Das alles stand natürlich auch auf dem Programm der drei Damen. Wenn man jung ist, findet man ja alles komisch und die drei Reiselustigen fanden später, dass sie noch nie so viel gelacht hatten, wie auf dieser Reise.

Das Rosenwunder

Luthers Schreibtisch auf der Wartburg

Im Wartburgrestaurant wurde Mittag gegessen und 20 Ansichtskarten an alle Bekannten in ganz Deutschland geschickt. Alle drei schrieben wie die Weltmeister. Dann ging es nach Eisenach ins Hotel und man schlief herrlich bis zum nächsten Morgen. Dann ging es wieder zurück nach Landin, wo ja der Ausgangspunkt für diese Autofahrt war. Die drei Freundinnen verlebte beim Großvater von Hertha Brunow noch den Rest des Urlaubs und natürlich wurde allen von dieser Reise erzählt. Es war schon ein Erlebnis gewesen, was einen tiefen Eindruck bei den drei jungen Frauen hinterlassen hatte.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.09.2018


 

Die Jubiläumsfeier eines Straßenbahnführers

Arnold Brunow

Deutsches Kaiserhaus

Arnold Emil Gustav Brunow war Straßenbahnführer in Berlin und arbeitete gern in der kaiserlichen Residenz Deutschlands. Seine Frau, Anna Pauline Luise Brunow, war die Tochter des Gastwirtes Ferdinand Muchow in Landin. Die kleine Familie wohnte in der Holzmarktstraße 10 in der Nähe des Alexanderplatzes in Berlin. Die Straßenbahnen waren das wichtigste Verkehrsmittel in Berlin. Arnold Brunow kannte noch die Pferdebahn, die vom Brandenburger Tor nach Charlottenburg fuhr. Die Berliner, spottlustig wie immer, sangen dazu. „Jetzt fahr´n wa so jemütlich uff de Ferdebahn. Det eene Ferd det zieht nich, det andere det is lahm. Der Kutscher is besoffen, die Ferde woll´n nich jehn. Alle fünf Minuten bleibt die Kutsche stehn.“ 1881 wurde dann die erste elektrische Straßenbahn in Berlin eröffnet und das elektrische Netz kontinuierlich ausgebaut. Die Berliner nannten die Straßenbahn kurz „Die Elektrische.“ Arnold Brunow fuhr kreuz und quer durch Berlin und kutschierte seine Fahrgäste zu allen Zielen, die die Straßenbahn ansteuerte. Besonders stolz war er darauf, dass auch die Kaiserliche Familie einmal eine Jubiläumsfahrt mit seiner Straßenbahn machte.

Arnold Brunow war ein sehr zuverlässiger Straßenbahnführer und am 15.7.1905 hatte ihm sein Betrieb eine vergoldete Uhr geschenkt, auf deren Rückseite folgende Worte eingraviert waren: Anerkennung mehrjähriger Dienstzeit für den Fahrer Arnold Brunow Berlin 15.7.1905 Grosse Berliner Strassenbahn. Er war natürlich stolz auf diese Auszeichnung und fuhr nun noch pünktlicher ab, denn die Uhr ging sehr genau. Er hatte sie auch immer bei sich und legte sie nur ab, wenn er in sein Nachtgewand schlüpfte.

Vergoldete Taschenuhr

Das Präsent des Straßenbahnunternehmens

Prinz Eitel Friedrich von Preussen mit seiner Braut

Für die Ausgezeichneten gab es einen Empfang durch den Betrieb mit einem Festdiner. Die Ehefrauen waren auch dazu eingeladen worden. Man hatte sich prächtig herausgeputzt zu diesem Empfang und allen Schmuck angelegt, den man besaß. Die Feier war auch deswegen in bleibender Erinnerung bei der Familie, weil die Auszeichnung Seine Königliche Hoheit Prinz Eitel Friedrich von Preussen und seine Braut Sophie Charlotte von Oldenburg vornahmen, deren Heirat 1906 anstand. Der Prinz überreicht persönlich die Taschenuhr an Arnold Brunow.

Berlin hatte damals schon den Glanz einer Metropole, denn das Kaiserhaus brachte Paraden und Glamour in die Stadt. Auch gab es alle Nase lang fürstlichen Besuch aus ganz Deutschland und den Monarchien Europas. Als seine kleine Tochter Hertha geboren wurde, versäumte die Familie keine Parade des Kaisers und Hertha wurde hochgehoben, damit sie den Kaiser gut sehen konnte. Das hinderte den Straßenbahnführer und seine Frau aber nicht daran, so oft es ging, nach Landin zu kommen. Es war doch die Heimat geblieben. Wo die Schwiegereltern und die Geschwister seiner Frau wohnten, war eben auch der Mittelpunkt der kleinen Familie. Neben der Auszeichnung durch den Berliner Straßenbahnbetrieb gab es eine kleine Nachfeier im Familienkreis in Landin, wo die einjährige Tochter Hertha zur Freude des Großvaters Ferdinand auch dabei war.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.08.2018


 

Eine Taufe in Landin

Die Tochter des Straßenbahnführers Arnold Emil Gustav Brunow und seiner Frau Anna Pauline Luise Brunow, geborene Muchow, Hertha Victoria Elisabeth Brunow wurde am 03.01.1904 in Berlin geboren. Der Großvater Ferdinand Muchow aus Landin war sehr erfreut über seine erste Enkeltochter und vereinbarte mit den Eltern, dass das Kind in Landin getauft werden sollte. So kam es, dass der Pfarrer Jacobi am 17.07.1904 das Sakrament der heiligen Taufe in der Landiner Dorfkirche dem kleinen Mädchen spendete. Als Paten oder Taufzeugen waren Hermann Lübge, Paul Brunow, Elisabeth Brunow und Betty Muchow dabei. Die kleine Hertha ließ die Wassertaufe ohne erkennbare Zeichen der Anteilnahme über sich ergehen. Sie schlief die ganze Zeit auf dem Arm ihrer Mutter. Es war ein herrlicher Sommertag an diesem Sonntag und der Sommerwind wehte dazu kräftig, sodass alle Damen ihre Hüte festhalten mussten, als es von der Kirche in die Gaststätte Ferdinand Muchow zum Feiern ging. Betty Muchow war schon vorgelaufen mit dem Kinderwagen, denn es hieß, je schneller der Täufling zu Haus ist, desto fixer würde ihm später alles von der Hand gehen. Sie hatte auch zwei Stecknadeln in den Kinderwagen gesteckt. Das sollte schützen vor bösen Blicken. Hertha ließ sich aber durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie trank die Brüste ihrer Mutter nach der Taufe fast leer und schlief dann weiter, ohne die Taufgesellschaft im Geringsten zu beachten. Die Männer hatten sich vor der Gaststätte niedergelassen und tranken erst einmal ein Glas Bier, denn es war sehr warm an diesem Tag. In der Gaststube wurde das Mittag vorbereitet. Der stolze Vater hielt vor dem Mittagessen eine kleine Rede und bedankte sich für die vielen Geschenke. Es waren selbst gestrickte und genähte Kleider für das Baby und viele Sachen zum Anziehen und auch etwas Geld dabei. Dann sprach der Pfarrer Jacobi ein sehr langes Tischgebet, ehe er mit seiner Frau Christlinde die Suppe löffelte:

Speis` uns Vater deine Kinder!
Tröste die betrübten Sünder!
Sprich den Segen zu den Gaben,
die wir hier so vor uns haben,
dass sie uns in unserm Leben
Stärke, Kraft und Nahrung geben,
bis wir endlich mit den Frommen
zu der Himmelsmahlzeit kommen.
Komm Herr Jesu, sei unser Gast
und segne, was du uns in Gnaden bescheret hast.

Der Vater hatte eine Kiste französischen Champagner mitgebracht und trank auch ein Glas nach dem anderen, sodass er am Ende der Feier ins Bett getragen werden musste. Zum Mittag gab es eine Spinatsuppe mit ein paar Stücken Ananas und einen Tupfer saure Sahne. Danach hatten die Frauen eine Fischpastete bereitet. Der Hauptgang bestand aus Rehbraten in Rotweinsoße mit einem kleinen Löffel schwarzen Johannisbeermarmelade und Kartoffeln. Dazu gab es in Butter geschwenkte Möhrenscheiben und Rotkohl. Als Nachtisch hatten die Frauen Apfelkompott und einen Mokka vorbereitet. Der Pfarrer und seine Frau Christlinde bedankten sich für das Mittagessen und verabschiedeten sich bald. Sie hatten natürlich auch tüchtig vom Champagner probiert, den es ja nicht alle Tage gab. Nach dem Mittag fuhr Betty Muchow ihre Nichte stolz mit dem Kinderwagen durch das Dorf, bis das Kind ausgeschlafen hatte und wieder gestillt werden musste. Am Nachmittag gab es einen riesigen Napfkuchen und zum Abendessen Brote mit Schlackwurst, Leberwurst und Schinken sowie sauren Gurken. Die meisten Gäste tranken Bier, aber viele wollten auch den Champagner probieren. Die kleine Taufgesellschaft wurde immer ausgelassener, bis die Kindsmutter doch die Feier mit dem Hinweis auf die Ruhe für das Kind langsam auflöste. Aber alle sprachen noch wochenlang von der schönen Feier bei der Taufe der kleinen Hertha. Der Champagner hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.07.2018


 

Im Heu

Hedwig und Max Muchow fahren vom Hof (1937)

Wenn im Juni das Heuen begann, war im Dorf alles auf den Beinen. Das schöne Wetter musste ausgenutzt werden und alle jungen und alten Männer mähten mit den Sensen auf den Wiesen das frische Gras. Ist der Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun´ und Fass, heißt eine alte Bauerregel und dieser Mai in Landin war nass und regnerisch gewesen. Dazu war er angenehm warm, „Wasswäder“, sagte die alte Elise Mewes, denn bei diesem Wetter wuchs und sprosste es, dass man zusehen konnte. Natürlich auch das Unkraut, aber Alice von Bredow tröstete die Leute und meinte: „Wo Unkraut wächst, wächst auch was anderes.“ Und so war es ja auch wirklich. Die Kartoffeln und Rüben gediehen natürlich ebenso gut in solchen nassen und warmen Maitagen. Aber kaum war es Juni im Jahr 1937 geworden, brach eine Hitzewelle aus, die seinesgleichen suchte. Die Menschen und das Vieh stöhnten unter der Wärme. Schwad für Schwad wurde das Gras von den Männern gemäht und lag am Ende des Monats in langen Reihen auf den Wiesen. Die Männer mähten am liebsten am frühen Morgen, wenn es noch nicht so warm war und der Tau noch auf den Wiesen lag. Alle paar Meter wurde Halt gemacht und die gedengelten Sensen mit einem Wetzstein geschärft. Sie hatten alle eine Mütze oder einen Filzhut auf, damit der Schweiß nicht in die Augen lief und Gespräche waren nur in den Pausen möglich. Wenn das Gras gemäht war, kam die Arbeit der Frauen, bei denen ihnen aber auch alle Männer halfen. Das Gras musste alle paar Tage gewendet werden, bis es die Sonne in duftendes Heu verwandelt hatte. Hauptgespräch in der Heumahd war das Wetter. Ob es denn hielt und kein Regen kam? Die Frauen und Männer arbeiteten beim Heuwenden immer zusammen und konnten so viel erzählen. Meist zog sich das Wenden bis in den August hinein hin. Die Frauen hatten weiße kunstvoll gefaltete Hüte auf dem Kopf, um sich vor der Sonne zu schützen, denn es war für alle eine schweißtreibende Arbeit. Manche hatte auch in der Schule Gedichte gelernt und probierten aus, ob noch alle Verse im Kopf waren.

Im Heu
von Johannes Trojan

(*14.08.1837 in Danzig – † 21.11.1915 in Rostock)

O wie schön ist es im Heu!
Lieblich ist der Duft,
und die Lerche singt dabei
hoch aus blauer Luft.

Und das Grillchen hört man auch,
das die Zither schlägt
unterm wilden Rosenstrauch,
den der Wind bewegt.

Warme Luft und Sonnenschein,
o wie ich mich freu!
Sagt, wo kann es schöner sein,
schöner als im Heu?

Max stakt das Heu auf den Leiterwagen, wo seine Frau Hedwig es genau einpackt

Wenn das Heu dann wirklich fertig war, mussten alle Mitglieder der Familie mithelfen, es in die Scheunen zu bringen. Es war ein trockener schöner Tag, da fuhr Max Muchow mit seiner Frau Hedwig mit dem Leiterwagen vom Hof. Auf der Wiese gab er seiner Frau auf dem Wagen große Forken voll Heu, die sie kunstvoll auf dem Wagen packte. Es durfte ja unterwegs nichts verloren gehen.

Die Wiesen waren auf der anderen Straßenseite und die voll bepackte Heufuhre musste durch Sandwege mit engem Baumbestand durchmanöveriert werden. Hedwig Muchow verstand die Kunst des Heustapelns am besten und blieb meistens auf der Fuhre oben sitzen, während ihr Mann Max unten auf dem Leiterwagen saß und die Pferde nach Haus führte. Einmal war die Heufuhre so hoch bepackt worden, dass ein starker Ast einer alten Eiche Hedwig Muchow einfach vom Wagen fegte. Sie war so erschrocken, dass sie keinen Ton herausbrachte, sich aber krampfhaft an dem dicken Ast festhielt, während der Wagen weiterfuhr. Max hatte nichts davon bemerkt und fuhr seelenruhig nach Hause. Erst da fiel ihm auf, dass seine Frau nicht antwortete. Er holte eine Holzleiter und kletterte auf den Wagen, aber seine Frau blieb verschwunden. Er rief das ganze Haus zusammen, aber niemand hatte dafür eine Erklärung.

Hedwig und Max Muchow auf der Heufuhre

Hedwig war noch jung und hatte sich behände auf den Ast geschwungen und war in den Baumstamm geklettert, wo sie nach ängstlichen Versuchen auch glücklich wieder auf dem Erdboden ankam. Sie kam mit 20 Minuten Verspätung zu Hause an und es gab keinen glücklicheren Mann als Max, der seine Frau sofort in die Arme nahm und sich die ganze Geschichte erzählen ließ. Dann halfen alle mit, das Heu vom Wagen in die Scheune zu bringen und dort erneut kunstvoll zu stapeln. Es duftete der ganze Heuboden nach Sommer, Sonne und dem frischen Heu. Die Kühe und Pferde konnten so gut im Winter versorgt werden. Es gab ja noch andere Futtermittel im Winter, aber Heu war doch das Beste und dann noch von den eignen Wiesen. Es hingen ja auch so viele Handgriffe an dem wunderbaren Heu, was eine enge Bindung an die Dorfwiesen bedeutete.

 
© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2018


 

Totgesagte leben länger

Max Ebel 1931

Max Ebel hieß eigentlich Max Fieke, aber seine Braut, Betty Muchow, Tochter des Gastwirtes Ferdinand Muchow in Landin, bestand auf einer Namensänderung. „Wenn Du Deinen Namen nicht änderst, heirate ich Dich nicht.“ Was sollte der arme verliebt Max Fieke nun machen? Er ging zum Standesamt und da wurde ihm bedeutet. Das ginge, er könne gegen eine Gebühr von 150,00 Mark seinen Namen ändern lassen. So kam er als Max Ebel wieder zu seiner Betty und nun stand der Hochzeit nichts mehr im Wege. Er war Prokurist bei der großen Rathenower Optischen Firma „Nitsche und Günther.“ Er arbeitete in Rathenow, wo er ein großes Haus in der Wilhelm-von-Leibniz-Straße im vornehmen Stadtteil Nord bewohnte. Max Ebel war recht vermögend. Seine Eltern hatten die „Bäckerei Fieke“ in der Großen Baustraße in Rathenow, die sehr gut lief. Er borgte seinem Neffen, dem Bäckermeister Paul Schwarzlose, Geld und half ihm so aus einer großen Verlegenheit. Er machte mit seiner Frau eine Schiffsreise nach Norwegen, von der er gern erzählte. Norwegen mit seinen Fjorden und die Menschen dort hatten ihn fasziniert. Er wäre gern für immer dortgeblieben, aber Betty war bodenständig und wollte in ihrer Heimat bleiben. Es sind ja auch andere Entfernungen in Norwegen und die Menschen leben auf dem Lande weit verstreut. Von Rathenow nach Landin zu ihren Eltern und Geschwistern war es da nur ein Katzensprung. Max Ebel fuhr die Strecke oft mit dem Fahrrad.

In den Fjorden von Norwegen

Als 1945 die Russen die Stadt Rathenow eroberten, musste Max Ebel mit seiner Frau Betty das Haus räumen und man kehrte nach Landin zurück, denn das war ja das Elternhaus von Betty und Platz war auch genug da. So lebten nach dem Krieg (1939-1945) drei Familien unter einem Dach. Max und Hedwig Muchow, Max und Betty Ebel und Hertha Brunow mit ihren Eltern, die aus der zerstörten Wohnung in Berlin in Landin Zuflucht gefunden hatten. Es gab auch drei Haushalte, und es wurde alles fein säuberlich auseinandergehalten. Die Ehepaare Muchow und Ebel blieben kinderlos und vererbten alles ihrer Nichte Hertha Brunow.

Betty und Max Ebel in Landin

Max Ebel bekam in Alter von 75 Jahren Prostatakrebs und wurde von berühmten Chefarzt Dr. Richard Hinze im Paracelsus-Krankenhaus Rathenow operiert. Der Chefarzt Hinze und sein Oberarzt Dr. Wilhelm Grundmann waren begnadete Operateure, die mit Geschicklichkeit und Leidenschaft operierten. Eine Woche nach der Operation bestellte er die Ehefrau Betty Ebel zu sich und teilte ihr mit, dass der Krebs der Vorsteherdrüse auf das gesamte Becken übergegriffen habe. Er könnte nicht sagen, ob er alle Tochtergeschwülste im Becken entfernt hätte. Er meinte zu Betty, dass ihr Mann höchstens noch drei Monate zu leben habe. Sie möchte in dieser Zeit alles regeln, was zu regeln ist. Betty weinte zwei Tage lang, dann raffte sie sich auf und fuhr zu ihrem Mann ins Krankenhaus und sagte zu ihm: „Max, der Chefarzt hat gesagt, dass er nicht weiß, ob er alle Krebszellen entfernen konnte, wir müssen jetzt alles regeln, was zu regeln ist.“ Max wurde nach dem Gespräch sehr traurig und meinte: “Wenn es so ist, kann man nichts machen, außer beten.“ Und so wurde alles besprochen, was besprochen werden musste. Max machte ein Testament, indem er alles seiner Frau Betty vererbte. Nach drei Wochen war die Wunde gut verheilt, der Katheter war entfernt worden, und er konnte wieder gut Wasser lassen. Die Ärzte wünschten ihm alles Gute und entließen ihn nach Hause. Er suchte zusammen mit seiner Frau Betty eine Grabstelle auf dem Landiner Friedhof aus. Max bestimmte einen roten Rhododendron aus dem Garten. Der sollte auf sein Grab gepflanzt werden. Er suchte die Lieder zur Trauerfeier aus: “Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt“ von Paul Gerhardt und „So nimm den meine Hände.“ Als Predigttext für die Trauerfeier wollte er das Bibelwort „Die auf den Herren vertrauen, kriegen neue Kraft“ (Jesaja 40,31) haben. Und so erlebte er mit seiner Frau eine tiefe innige Zeit, denn er wusste, es wird nicht mehr lange gehen. Er nahm aber den Nachuntersuchungstermin gewissenhaft wahr und der Doktor in der Poliklinik in Rathenow fragte ihn, ob er damit einverstanden wäre, eine Hormonbehandlung mit weiblichen Hormonen zu probieren. Das wäre jetzt das Neuste. Natürlich war er damit einverstanden. Was sollte ihm noch passieren? Merkwürdigerweise hatte er guten Appetit und seine Frau kochte ihm alles, was er sich wünschte. Natürlich auch sein Lieblingsgericht: süßsaure Eier in Specksoße mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. Sie buk ihm Kartoffelpuffer, die er auch sehr mochte. Er ging auch jeden Tag durchs Dorf und seine Spaziergänge waren erst nur ein paar Schritte, aber sie dehnten sich aus und wurden länger. Da er um sein Schicksal wusste, waren die drei Monate, von denen der Chefarzt gesprochen hatte, eine magische Grenze, vor der er doch etwas Angst hatte. Manchmal dachte er, er würde verrückt, aber dann sagte ihm sein kühler Verstand: Es ist alles normales Leben und der Tod gehört eben auch dazu. Betty weinte viel, aber er tröstete sie und meinte: Wir sind jetzt in dem Alter, wo man sterben kann und das ist ja nichts Besonderes, es ist der Lauf der Welt. Dann weinte Betty noch mehr und flüchtete sich wieder in ihre Arbeit. Max und Betty warteten nun alle Tage, dass aus einer Ecke der Tod hervorkommen würde, aber Max fühlte sich nach den Hormonspritzen immer besser. Das Vierteljahr kam und es passierte nichts. „Na, ja,“ meinte Betty, „die Ärzte können sich ja auch mal irren und so genau kann man das bestimmt nicht voraussehen.“

Grabstein von Betty und Max Ebel

Aus dem Vierteljahr wurde ein halbes Jahr und dann ein ganzes Jahr. Langsam beruhigten sich ihre Gemüter und der Alltag hielt wieder Einzug in der Familie. Die Jahre gingen dahin. Keiner dachte mehr an die Prophezeiung des Chefarztes. Im Februar 1966 erkältete sich Betty und bekam eine Lungenentzündung, von der sie sich nicht mehr erholte. Sie starb am 09.05.1966, beweint und betrauert von ihrem Mann und der ganzen Familie. „Totgesagte leben länger,“ sagt der Volksmund. Max Ebel hatte nach seiner todbringenden Erkrankung noch über elf Jahre gelebt und sogar seine Frau überlebt. Sie wurden beide auf dem Dorffriedhof in Landin bestattet. Auf dem Grabstein stand:

In Gottes Namen
Max Ebel
*9.7.1885 - † 30.1.1971
Betty Ebel
geb. Muchow
*16.08.1887 - † 9.5.1966

 
© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2018


 

Die Einsegnung

Einsegnung von Helga Schultze
Palmsonntag 13.04.1930

Der Pfarrer führte regelmäßig den Konfirmationsunterricht im Pfarrhaus in Kriele für die Konfirmanden auch aus Landin durch. Jede Woche einmal versammelten sich die Kinder in Kriele und hörten, was der Pastor so an Wissen über die Bibel und das Christentum vermittelte. Sie lernten die 10 Gebote und einige Psalmen und lasen die Hauptkapitel der Bibel gemeinsam und lernten Kirchenlieder auswendig. Die schönste Geschichte der Bibel war für Helga Schultze die von Joseph und seinen Brüdern aus dem Alten Testament. Joseph und sein jüngere Bruder Benjamin waren die Söhne der Lieblingsfrau Rahel, die vom Vater Jakob nach dem Tode der Mutter schamlos vorgezogen wurden. Während die 10 Söhne seiner ersten Frau Lea die Schafe hüten mussten und harte Arbeit auf den Feldern verrichteten, wurde Joseph von einem Lehrer unterrichtet, lernte Fremdsprachen, Lesen und Schreiben. Er wurde auch zur Aufsicht für seine zehn Brüder vom Vater eingesetzt. Dazu träumte er noch so sonderbare Dinge, dass sich seine Brüder vor ihm verneigten. Als er einmal wieder zur Beaufsichtigung der Brüder bei den Weiden für die Schafe erschien, verkauften sie ihn einfach als Sklave nach Ägypten. Ihrem Vater zeigten sie in Schafsblut getränkte Kleidungsstücke von Joseph, die sie angeblich gefunden hätten und meinten zum Vater, dass Joseph sicher von wilden Tieren zerrissen worden sei. Joseph gelangte zu einem hohen Beamten des Pharao und wurde dort als Verwalter tätig. Als die Frau des Beamten ihn fälschlicherweise eines sexuellen Übergriffs beschuldigte, kam Joseph ins Gefängnis, wo er bald wieder die Verwaltung übernahm und dem Mundschenk und dem Bäcker des Pharaos ihre Träume richtig deutete. Als nun der Pharao selbst träumte, dass sieben fette Kühe aus dem Nil stiegen und von sieben mageren Kühen gefressen wurden, wachte er schweißgebadet auf und träumt erneut, dass sieben fette Korngarben von sieben mageren verschlungen wurden. Keiner der Traumdeuter am Hofe des Pharaos konnte damit etwas anfangen. Da erinnert sich der Mundschenk an den Joseph, der schleunigst aus dem Gefängnis geholt wurde und dem Pharao erklärte, dass sieben reiche Erntejahre kommen werden und danach sieben Dürrejahre mit großer Hungersnot. Der Pharao ernannte sofort Joseph zum Minister, der große Scheunen bauen ließ und in den ersten sieben Jahren riesige Kornvorräte im ganzen Land anlegte. Als dann die Hungersnot kam, traf sie auch Jakob und die restlichen 11 Geschwister in Israel und sie kamen nach Ägypten, um Korn zu kaufen. Der Minister Joseph erkannte sie sofort und holte nun seine ganze Familie nach Ägypten. Seinen Brüdern sagte er: “Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Er wurde durch Gottes Plan zum Erretter seiner ganzen Sippe bei der Hungersnot. Die Konfirmation fand in der Landiner Kirche statt.

Dorfkirche Landin 21.04.1930

Eine Woche vor der Einsegnung war im Gottesdienst die Prüfung der Konfirmanden in der Kirche. Davor hatten alle Angst, denn die ganze Gemeinde war dabei und konnte auch Fragen stellen. Der Pfarrer hatte zu den Konfirmanden beruhigt und gesagt: „Wer die Antwort weiß, hebt den rechten Arm und wer die Antwort nicht weiß, der hebt den linken Arm.“ So kam es, dass sich immer alle Konfirmanden meldeten, wenn der Pfarrer eine Frage stellte und die Eltern und Großeltern und alle Verwandten waren sehr stolz auf ihre Kinder. Der Pfarrer hatte allen geboten über diese Meldepraxis Stillschweigen zu wahren. Der Superintendent war auch zur Prüfung in der Kirche und der gesamte Gemeindekirchenrat. Der Pfarrer wurde für seine pädagogische Arbeit mit den Konfirmanden sehr gelobt. Die Obrigkeit war erstaunt über so viel Wissen in Landin. Der Eingang zur Kirche wurde zur Konfirmation mit einer Fichtengirlande geschmückt. Helga Schultze trug ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe. Als Schmuck hatte sie eine silberne Brosche am Kleid und eine silberne Gürtelschnalle. Ihr Konfirmationsspruch lautete: “Herr Deine Güte reicht soweit der Himmel ist und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen“ (Psalm 36, 4). Bei der Einsegnung bekamen die Konfirmanden das erste Mal Brot und Wein beim Abendmahl und waren damit offiziell in die Gemeinschaft der Erwachsenen in der Kirchengemeinde aufgenommen. Der Pfarrer hoffte natürlich, dass die Konfirmanden jeden Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche kommen würden. Alle Verwandten kamen zur Konfirmation nach Landin und es wurde extra ein Schwein vom Fleischer aus Kriele geschlachtet. Zur Konfirmation waren ungefähr 20 Verwandte versammelt. Die Mutter hatte zum Mittag eine Hühnersuppe gekocht und es gab Schweinebraten, Rotkohl und Kartoffeln und als Nachspeise selbst eingeweckte Pflaumen und ein Glas Johannisbeerwein. Die Einsegnung war ein großes Fest für die ganze Familie und der Pfarrer kam auch zu jeder Konfirmationsfeier und hielt sich mit seiner Frau etwas in der Gesellschaft auf, ehe er dann weiter zum nächsten Konfirmanden ging. Es war Kuchen gebacken worden im alten Backofen hinter dem Haus und es gab eine schöne Kaffeetafel. Zum Abendessen hatte die Mutter und Tante Elisabeth Frikassee und Kartoffelsalat vorbereitet. Dazu gab es Bockwurst und belegte Brote mit der eigenen Schlackwurst. Die Bockwurst war dem Fleischer etwas zu salzig geraten, sodass reichlich Bier und Wein getrunken wurde. Als Geschenke gab es signiertes Schreibpapier, was schon sehr wertvoll war. Andere Geschenke bestanden aus Seidengarnituren und Kleiderstoff. Der Kleiderstoff war so reichlich bemessen, dass viele Kleider davon genäht werden konnten.

Ein vorfristiges Geschenk von Tante Carmen aus Friesack hatte es ihr besonders angetan. Tante Carmen war immer für eine Überraschung gut. Sie schenkte ihr schon vor dem Termin der eigentlichen Konfirmation eine Karte für den großen Friesacker Karneval im Gesellschaftshaus Krauspe, worüber sich die Konfirmandin am meisten gefreut hatte und bei der Konfirmationsfeier viel davon erzählte. Für Helga Schultze war es ein schöner Tag und sie erinnert sich gern daran. Oft sang sie später ihren Kindern das Faschingslied vom Friesacker Karneval vor: “Schon knospet der Flieder - froh klingen die Lieder. In Krauspes Haus ladet wieder der Fliederstrauß“.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2018


 

Die Bodenreform in Landin

Am 29.12.1945 erhielt Max Muchow durch die Bodenreform Ackerland und Wald in Landin. Die Kommunisten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) in der russischen Besatzungszone den märkischen Adel von seinen Schlössern vertrieben und sein Land enteignet. Auf Grund der Verordnung über die Bodenreform in der Provinz Brandenburg vom 06.09.1945 hatte der Vorsitzende der Gemeindekommission für Bodenreform in Landin Rudolf Gnad eine Urkunde an Max Muchow übergeben, die vom Vorsitzenden der Kreiskommission für das Westhavelland, dem Landrat Gehrmann, unterzeichnet war. Danach bekam Max Muchow 1,10 ha Ackerland und 3,00 ha Wald gegen eine Anzahlung von 10 %. Den Rest des Betrages von 815,00 Reichsmark sollte Max Muchow in den nächsten 10-20 Jahren entrichten. Max Muchow hat den gesamten Betrag sofort bezahlt und er erhielt am 29.12.1945 die entsprechende Urkunde, die vom Landrat Gehrmann und vom Präsidenten Steinhoff unterzeichnet waren. Das Grundstück und der Wald wurden damit rechtskräftig und schuldenfrei an den neuen Besitzer übergeben. Auf der Urkunde steht: „Der Grundbesitz soll sich in unserer deutschen Heimat auf feste, gesunde und produktive Bauernwirtschaften stützen, die Privateigentum ihres Besitzers sind.“ So erhielten viele arme Landarbeiter und viele Flüchtlinge aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern eigenes Land und konnten als Neubauern nach dem furchtbaren Krieg versuchen, ein friedliches Leben und eine neue Existenz aufzubauen. Beim Kartoffelracken half die ganze Familie und saß vor den Kartoffelreihen mit einer Hacke und holte die wertvollen Knollen aus dem Erdreich.

Kartoffelracker in Landin

Bei den Großbauern waren auch viele fremde Helfer beim Kartoffelracken zugange. Zehn bis zwanzig Männer und Frauen schoben sich kniend mit einem Korb rechts und links vorwärts und arbeiteten sich so langsam über das Feld mit seinen Kartoffelreihen. Die Kinder halfen selbstverständlich mit, denn nach dem Krieg gab es noch keine Kindergärten. Die Versorgung der vielen Menschen mit Lebensmitteln stand nach dem Krieg an erster Stelle und so unterstützten alle Regierungen die Bauern. Aber schon 1952, nachdem die größte Not überwunden war, beschlossen die Kommunisten diese Bauern durch die Hintertür wieder zu enteignen und ihre kleinen Bauernwirtschaften in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) zu überführen.

Ab 1960 wurde auf die Bauern massiv Druck ausgeübt, damit sie diesen Genossenschaften beitraten. Viele Menschen flohen damals in den westlichen Teil von Deutschland, sodass am 13.08.1961 in Berlin eine Mauer errichtet und die Grenzsperren zum Westen massiv ausgebaut wurden. Damit konnte niemand mehr den Osten des Landes verlassen. Max Muchow war ein kleiner Landwirt und bewirtschaftete seine Felder und Wiesen mit seiner Frau und den übrigen Angehörigen der Familie, was nicht immer einfach war.

Erntehelfer in Landin mit ihren Kindern auf der Karre

Ein Roggenfeld

Er folgte dem Ruf der Kommunisten bald und trat in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft „Freie Scholle“ in Landin ein. Max Muchow war Gastwirt und Landwirt, wie viele Menschen vor ihm und wie es auf den Dörfern seit Jahrhunderten üblich war. Er kümmerte sich aber wenig um die Gastwirtschaft. Er liebte die Pferde, das Land und arbeitete gern als Landwirt. Die Gastwirtschaft betrieben die Frauen in seiner Familie.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.03.2018


 

Die freiwillige Feuerwehr von Landin

Versammlung der Freiwilligen Feuerwehr am 15.09.1959 im Gastzimmer der Gaststätte Muchow

Die freiwillige Feuerwehr in Landin war eine wichtige Einrichtung, denn Brände gab es immer mal und da war es gut, wenn es auch Menschen gab, die dem Brand Einhalt geboten. 1959 waren nur Männer in der Feuerwehr. Frauen waren selbstverständlich auch zugelassen, aber es war eine Ausnahme und etwas ganz Extraordinäres, wenn eine Frau in der Freiwilligen Feuerwehr war. So traf sich alle Monate eine reine Männergesellschaft in der Gasstätte Muchow in Landin und besprach, was so zu bereden war. Es kamen neue Hinweise des Kreisbrandmeisters aus Rathenow. Es wurden die Termine für Übungen vereinbart und die letzten Brandkatastrophen im Kreis Rathenow ausgewertet. Dazu gab es reichlich Bier und manchmal auch einen kleinen Schnaps und nach dem offiziellen Teil wurde Skat gespielt. Es waren fast alle Männer in der Landiner Freiwilligen Feuerwehr.

Ein Höhepunkt im Jahr war der Feuerwehrball, bei dem natürlich auch die Familien dazukamen. Die Feuerwehrleute konnten auch Freunde und Verwandte einladen und so war meist das ganze Dorf versammelt. Es wurde der neuste Dorfklatsch besprochen und es war ein Informationsaustausch, wie er sonst kaum möglich war. Für die Kinder begann der Feuerwehrball schon am Nachmittag mit dem Kindertanz. Wenn die Kinder dann ins Bett gebracht waren, ging der Tanz für die Feuerwehrleute und ihre Frauen und Freundinnen weiter. Manche Kinder durften auch bis um zehn Uhr abends dabei sein und wurden von allen beneidet, die früher nach Hause mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) war der Feuerwehrball das einzige gesellschaftliche Ereignis des Jahres im Dorf. Erst viel später kamen die Feiern zum 1. Mai wieder. Die Feuerwehr war notwendig und verfolgte keine politischen Ziele. Das war für die kommunistische Regierung wichtig und sie konnte beruhigt und frei von Kontroll- und Aufsichtszwängen solche Tanzveranstaltungen zulassen.
Im Anfang wurde bei Bränden die Glocke in der Landiner Dorfkirche geläutet, aber als man sich von den Kriegsfolgen etwas erholt hatte, wurde eine Sirene angebracht, die dann die Feuerwehrleute alarmierte, wenn es brannte. Jeder ließ seine gerade begonnene Arbeit stehen und liegen und rannte zum Spritzenhaus, wo dann so schnell wie möglich das Feuerwehrauto zum Brandort fuhr und das Feuer löschte. Es gab manchmal auch Brandstifter, die immer zuerst an Ort und Stelle waren und dann fleißig mitlöschten. Wenn so ein Brandstifter unterwegs war und Strohmieten in Brand setzte, war das schlimm für die Menschen und sie waren froh, wenn er überführt werden konnte und der „Rote Hahn“ nicht mehr in den Dörfern wütete. Es war für die jungen Männer eine schöne Zeit und bei den Feuerwehrbällen hat mancher seine Liebste fürs Leben gefunden.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.02.2018


 

Die Hexe von Landin

Eine boshafte alte Witwe lebte in Landin und redete über alle Bewohner nur Schlechtes. Sie wusste auch viel von ihren Nachbarn und war daher als Klatschbase verschrien. Viele bezeichneten sie auch als alte Hexe. Den Landinern fiel auf, dass sich abends eine scheinbar herrenlose Katze auf den Fensterbänken der Häuser niederließ und in die Zimmer schaute. Der Dorfschulze in Landin hatte schon lange den Verdacht, dass sich die Klatschbase nachts in eine Katze verwandelte und so die Bewohner belauschte. Als er die Katze wieder einmal auf einem Fensterbrett sitzen sah, nahm er einen langen Knüppel und schlug ihr kräftig auf den Rücken. Am nächsten Tag ließ sich die Witwe gar nicht auf der Straße oder vor dem Haus sehen. Als der Dorfschulze nach ihr sah, lag sie im Bett und meinte sie könne nicht aufstehen, sie habe einen Hexenschuss. Nun wussten die Bewohner, dass die Katze, die alte Hexe war. Sie fürchteten sich nicht mehr vor der alten Witwe, denn wenn sie die Katze wieder vor einem Fenster erblickten, vertrieben sie sie sofort.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.01.2018


 

Ein Weihnachtsfest in Landin

Weihnachten 1963 in Landin

Ein Weihnachtsfest bei Hedwig Muchow in Landin war immer ein sehr inniges Fest mit Besuch der Verwandten im Haus. Lene aus Spaatz war da und half im Haushalt mit. Die Gottesdienste waren 1963 in der Gaststube Muchow sowohl am Heiligen Abend als auch an den Feiertagen. Der Förster Hans Babucke hatte im Advent einen Tannenbaum über den Hofzaun geworfen. Der Baum wurde am 23.12. in den Ständer gestellt und der Weihnachtsschmuck vom Boden geholt. Es wurde Kuchen gebacken, eine Gans geschlachtet und Grünkohl im Garten geerntet. Am Heiligabend wurde der Weihnachtsbaum geschmückt, die Gans gebraten, der Grünkohl gewaschen und zubereitet. Nach der Christvesper am Heiligen Abend setzten sich alle Hausbewohner und ihre Gäste unter den Weihnachtsbaum. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen und ein Glas Glühwein. Dann wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und Hertha Brunow las eine Geschichte aus einem Weihnachtsbuch vor. Es wurden auch Weihnachtslieder gesungen und zum Schluss die Geschenke ausgepackt. Die Weihnachtskekse und anderes Weihnachtsgebäck standen auf dem Tisch und es durften die Apfelsinen nicht fehlen, die es nur zu Weihnachten zu kaufen gab. Es waren kleine und große Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gelegt worden, meistens Strümpfe, selbst gestrickte Handschuhe, Pullover und andere Sachen, die man im Winter nötig hatte. Gegen Mitternacht wurden die Kerzen gelöscht, das Geschirr in die Küche gebracht und alles gleich abgewaschen und dann schlief das ganze Haus in den 1.Weihnachtstag hinein.

Am Morgen des Weihnachtsfestes wurde die Gaststube nach dem Frühstück schon wieder für den Weihnachtsgottesdienst hergerichtet, denn die Landiner kamen pünktlich um 11:00 Uhr zum Gottesdienst. Elfriede Müller aus Kriele spielte die alten Weihnachtslieder auf dem Klavier und der Pfarrer verkündete die Botschaft von der Geburt Jesus Christus auch den Landinern zum ewigen Heil. Wenn sich die Menschen verlaufen hatten, ging es in die Küche, wo die Klöße bereitet wurden, die fertig gebratene Gans noch einmal in den Ofen kam und der Grünkohl langsam erwärmt wurde. Bei der Festtafel, wo es zur Feier des Tages und nach dem Tischgebet ein Glas Wein gab, wurden lustige Geschichten aus alten Zeiten erzählt. Die Alten wussten zu berichten, dass sie früher die Geschenke immer erst am 1. Weihnachtstag bekamen, aber das war lange her. Nach dem Birnenkompott gab es noch den Abwasch und dann legte sich alles zur Mittagsruhe, ehe der Kaffeeduft die Menschen zu Kaffee und Kuchen rief. Der Kaffee war knapp und deshalb gab es nur sonntags Bohnenkaffee und natürlich zu den Feiertagen. Marmorkuchen und selbst gebackene Pfirsichtorte wurden dazu gereicht. Zu den Weihnachtstagen wird es ja immer früh dunkel und so erzählte man bis zur Abendmahlzeit Geschichten aus dem Dorf und aus dem Leben. Nach dem Abendessen spielte Hertha Brunow und ihre Gäste Rommé oder Canasta. Nur Hedwig Muchow wollte da nicht mitmachen. Für sie war Kartenspiel Teufelszeug. Sie kümmerte sich derweil um die Wirtschaft und räumte alles auf. Am 2. Feiertag, wenn denn mal zu Weihnachten Schnee lag, wurden die Pferde angespannt und alle Kinder und Erwachsene zu einer Schlittenpartie eingeladen. 20-30 Schlitten fuhren dann ein paar Stunden durch die weiße Winterlandschaft zur Freude der Kinder, die diese Schlittenfahrten nie vergaßen.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.12.2017


 

Der Fluch über das Kloster auf dem Rütscheberg

In der Nähe des kleinen Dorfes Landin im Havelland soll im frühen Mittelalter ein Kloster auf dem Rütscheberg gestanden haben. Es lebten darin aber keine frommen Mönche, die ihrem Tagwerk nachgingen oder den Armen und Kranken halfen, sondern eine verlotterte Mörderbande, die nur darauf aus war unter dem Heiligenschein der Kirche die Menschen auszuplündern und zu betrügen. Der Bischof von Brandenburg, dem die Aufsicht über das Kloster oblag, war weit weg und kümmerte sich nicht um die verkommenen Brüder auf dem Rütscheberg. Wenn ein neuer Mönch sich doch einmal zum Christentum und zur Barmherzigkeit bekennen wollte und Gottes Wort in diesem Kloster suchte, wurde er einfach umgebracht und eine scheinheilige Trauerfeier inszeniert. Den Bewohnern der Dörfer spielten sie eine Rolle von frommen Eiferern vor. In Wirklichkeit waren sie aber nur auf ihre Laster bedacht.

In Landin lebte einmal ein sehr schönes Mädchen, dass einem Jäger versprochen war und die beiden liebten sich herzlich. Das Mädchen lebte mit ihrem kranken Vater zusammen und umsorgte ihn aufopferungsvoll Tag und Nacht. Der Jäger kam jeden Tag in das Haus der Familie und unterstütze seine Geliebte in der Hauswirtschaft nach Kräften. Als der Jäger mehrere Tage in einem anderen Gebiet arbeiten musste, kamen die Mönche vom Rütscheberg in das Haus und suchten unter Vorspiegelung der Hilfe für den Vater mit Beten und Handauflegen seine Leiden zu lindern. Dabei logen sie dem Vater vor, dass der Jäger eine andere Geliebte hätte und er seine Tochter unbedingt ins Kloster geben sollte, damit sie ihn gesund pflegen könnten und durch dieses Opfer dem Vater die ewige Seligkeit zuteil werde. Das schöne Mädchen glaubte nicht an die Untreue ihres Bräutigams und wehrte sich verzweifelt. Alles Weinen und Beten half nichts. Der kranke Vater bestimmte, dass sie mit den argen Brüdern mitgehen musste. Die Brüder vergewaltigten sie und als sie ihrer überdrüssig waren, erdrosselten sie sie und versenkten ihre Leiche mit Steinen beschwert im See. Ein Schäfer hatte sie dabei beobachtet und berichtete es dem Jäger, der wutschnaubend vor das Kloster zog und Rache nehmen wollten. Aber die verbrecherischen Brüder verhöhnten ihn nur von ihren sicheren Mauern, so dass er letztendlich auch den Tod im See suchte, um mit seiner Geliebten wenigsten im Tode vereint zu sein. Ehe er sich im See ertränkte, sprach er noch einen Fluch über die Mönche und das gottlose Kloster.
Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sehr fein. So kam es denn, dass nach und nach keine neuen Mönche in das Kloster kamen. Es verfiel mit der Zeit und zum Schluss entzündete ein Blitz das ganze Kloster bei einem fürchterlichen Unwetter mit Gewitter und Sturm. Es brannte alles nieder. Die Mönche, die den Flammen entkommen wollten, wurden von der wilden Jagd vor den Toren empfangen und erhielten ihre gerechte Strafe. Auch dem unbarmherzigen Vater war kein Glück beschert. Er musste nach seinem Tode ruhelos durch die Ruinen des Klosters und durch sein Heimatdorf Landin wandeln. Viele Menschen in Landin wurden von ihm als Gespenst, seinen Kopf unter dem Arm tragend, erschreckt. Endlich hat er durch den Geist seiner Tochter Vergebung erhalten und wurde vom dem Umherwandeln erlöst. Von dem Kloster ist nicht ein Stein mehr geblieben. So hat sich der Fluch des Jägers auf furchtbare Weise erfüllt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.11.2017


 

Wie die Bredows ins Havelland kamen

Zeichnung: Erika Guthjahr

Als der Teufel auf der Erde die Bösewichter holte, waren darunter neun Edelleute derer von Bredow. Er steckte die von Bredows, die die Menschen betrogen und ausgesogen hatten, in einen Sack und wollte mit ihnen in die Hölle fliegen. Während des Fluges stieß er mit seinem Sack an die Kirchturmspitze von Fehrbellin. Es entstand ein Loch im Sack, aus dem nach und nach neun Edelleute rausfielen.
Der erste rief: „Frie ut´n Sack! Frie ut´n Sack!“ Der Ort wurde später Friesack genannt. „Mok dat Loch to“, rief der, der dem ersten Bredow am nächsten saß, konnte aber nicht verhindern, dass er ihm nachfolgte und nannte den Ort Lochow. „Steck et to! Steck et to!“, war die ängstliche Rede des nächsten Bredow, aber es hörte ihn niemand und so plumpste er in Stechow auf die Erde. Ein anderer Bredow rief: „Ick will bes hin an den Kien!“ Das Dorf erhielt den Namen Pessin. Der Nächste meinte „Ick gah den selben Weg lang.“ Daraus ist der Ort Selbelang entstanden. Ein andere rief: „Ick loop rechts to.“ Das Dorf, wo er sich niederließ, nannte er Retzow. Der siebente Bredow sagte: “Ick gah landin“, woraus der Name Landin entstanden ist. Einer der Bredows schrie beim Fall aus dem Sack: “Ick wag´s niet.“ Der Ort, wo er sich niederließ, nannte er Wagnitz. Der nächste, der aus dem Teufelssack fiel, fühlte sich dort gleich wohl, wo er hingefallen war, und sagte: “Hier blev ick görne.“ Der Ort heißt heute noch Görne. Die Bredows breiteten sich im ganzen Havelland aus. Fast in jedem Ort gab es ein Schloss und die Bredows bewirtschafteten ihre Ländereien in dem Ort. Soweit die Legende.

Die Geschichte berichtet, dass unter Albrecht dem Bären im 12. Jahrhundert ein Ritter Arnold von Bredow in den Osten kam. Die Bredows bekamen ein paar Fischerdörfer als Kriegsbeute. Die Söhne heirateten aber so geschickt, dass ihnen bald 31 Orte im Havelland gehörten. Es waren gute und schlechte Gutsbesitzer dabei und sie haben die Menschen und das Havelland sehr geprägt. Auch in Landin gab es über viele Jahre ein Schloss, in dem ein Zweig der Familie von Bredow wohnte. Erst 1945 endete die Geschichte des Adelsgeschlechtes derer von Bredow im Havelland.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.10.2017


 

Eine Hochzeit in Landin

Inge und Bernd Mewes mit ihren Gästen vor der Gaststätte Muchow in Landin
 

Eine Hochzeitsfeier ist schon ein großes Ereignis in einem kleinen Dorf wie Landin. Die Menschen leben enger zusammen. Die Natur ist den Menschen viel näher als in der Stadt. Die Jahreszeiten Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter werden hautnah erlebt. Bernd Mewes aus Landin hatte seine Liebe in Grevesmühlen an der Ostsee gefunden und heiratete am 13.08.1966 in Landin seine Inge. Die Feier begann mit dem Hochzeitszug zur Kirche und Lisa Gretzinger konnte noch jahrelang bis auf jede Einzelheit genau beschreiben, was die Frauen für Kleider anhatten.

    

 
Die festlich geschmückte Kirche war wunderschön. Überall hatten die Brautleute Rosen an die Bankreihen befestigt. Eine große Fichtengirlande schmückte den Eingang zur Kirche. Die Glocke läutete, als der Brautzug zur Kirche ging und als er die Kirche wieder verließ. Die Braut konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, aber Bernd Mewes hielt seine Frau fest an der Hand und gab ihr Mut und Kraft für diese bedeutende Stunde. Der Pfarrer predigte über das erste Wunder, das Jesus Christus bewirkte. Er war auf einer Hochzeit in Kana mit seinen Freunden eingeladen worden. Das Brautpaar war nicht so reich. Bei den vielen Gästen ging ihnen der Wein aus, und es war ihnen sehr unangenehm. Die Mutter von Jesus, Maria, sprach daher mit ihrem Sohn und bat ihn, den jungen Leuten zu helfen. Er weigerte sich zunächst, gab aber dann doch dem Servierpersonal die Anweisung sechs große Wasserkrüge, die zur rituellen Waschung dienten, mit frischem Wasser zu füllen und davon eine Probe dem Koch zu bringen. Als der Koch von dem Wasser kostete, war er völlig perplex, denn er hatte noch nie einen so guten Wein gekostet. Der Trauspruch lautete: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ (1 Kor 16,14). Nach dem Segen verließ das Brautpaar die Kirche. Die Dorfkinder hatten sich an der Straße aufgestellt und hatten alle 300 m eine Wäscheleine über die Straße gespannt. Der Bräutigam musste immer etwas Kleingeld den Kindern hinwerfen. Dann lockerten sie die Sperre und ließen den Brautzug durch. Die Hochzeitsgesellschaft stellte sich zum Fototermin vor der „Gaststätte Muchow“ auf. Der Fotograf Haecker kam mit einem kleinen Auto aus Rathenow und bildete die Hochzeitsgesellschaft professionell ab.

Das Essen bestand aus einem Dreigängemenü und wurde im Saal der Gaststätte serviert. Zuerst wurde eine Hochzeitssuppe gereicht. Das war eine Gemüsebrühe mit Eierstich und kleinen Gehacktesklößchen. Danach gab es Kartoffeln mit Schweinebraten und Rinderbraten und Gemüse, das aus Blumenkohl, Buttermöhren, Erbsen und Spargel bestand. Als Nachtisch wurde den Gästen Rote Grütze mit Vanillesoße angeboten. Dazu wurde Wein, Bier und Saft gereicht. Nach dem Mittagessen gingen die Brautleute und die Jugend durch das Dorf und präsentierten ihr junges Glück bei allen Nachbarn. Die Alten waren im Saal sitzen geblieben und warteten auf den Kaffee und den Kuchen, den es am späten Nachmittag geben sollte. Es waren viele Torten gebacken worden. Dazu gab es Streuselkuchen, Bienenstich und Pflaumenkuchen mit Sahne. Alle Verwandten hatten beim Backen geholfen und die Kuchen und Torten am Polterabend in der Speisekammer der Gaststätte abgestellt. Leider hatte Hertha Brunow nicht bemerkt, dass ein Fenster zur Speisekammer offen stand. In der Nacht waren die Katzen hereingesprungen und hatten etliche Kuchen angefressen. Aber es war noch genug unversehrter Kuchen erhalten geblieben, so dass die Gäste nichts davon mitbekamen. Ärgerlich war es trotzdem. Nach dem Spaziergang gab es Kaffee und Kuchen und für die Kinder Kakao, und es wurde noch einmal tüchtig geschwelgt. Gerda Burow, die Stiefmutter von Bernd Mewes, war eine talentierte Hobby-Dichterin und hatte ein langes Hochzeitsgedicht gemacht und trug es dem Brautpaar und den Gästen vor. Inzwischen war auch eine kleine Musikkapelle erschienen und die Braut und der Bräutigam eröffneten den Tanz. Jeder wollte nachher natürlich einmal mit der Braut tanzen. Als man sich gegen sieben Uhr am Abend zu Tisch setzte, war die Braut schon etwas ermattet und froh, dass es erstmal eine kleine Pause gab, denn das Abendessen war deftig und ausgiebig. Es gab Kassler vom Schwein mit Sauerkraut, Nudelsalat und Kartoffelsalat, Bockwurst und belegte Brote. Hauptsächlich wurde Bier getrunken. Natürlich standen auch Schnaps, Likör und Wein bereit für die, die danach verlangten. Nach dem Abendessen ging es weiter mit dem Tanz und allerhand Spielen, die sich immer um das junge Paar drehten. Freunde hatten Geschenke für die jungen Leute zusammengetragen. Unter anderem war auch ein Geschirrspüler in einem großen Karton verpackt übergeben worden. Als die Braut das Paket auspackte, kam ihr Ehemann mit einem Abwaschtuch heraus. Es gab eine kleine Modenschau mit altertümlichen Kostümen, was die Hochzeitsgesellschaft sehr amüsierte. Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich das Brautpaar mit dem Brautschleiertanz. Die Braut hatte ihren Schleier recht locker aufgesteckt und alle jungen Paare versuchten während des Tanzes den Schleier zu erhaschen. Wer den Schleier bekam, heiratete als nächstes Paar, so der Brauch. Das Brautpaar verließ danach das Fest, während die Gäste noch bis in den frühen Morgen feierten.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.09.2017


 

Der Teufelsberg von Landin

 
In Landin lebte Lippold von Bredow, der sein Vermögen verprasste und sich hoch verschuldete. Durch sein wildes Leben wurde er ein leichtes Opfer des Teufels. Mit ihm schloss der einen Packt, dass er vom Teufel alle Wünsche erfüllt bekäme und am Ende seines Lebens der Teufel die Seele seiner jungen, hübschen Frau holen könnte. Wenn der Teufel ihm aber einen Wunsch nicht erfüllen sollte, wäre er wieder frei von dem Pakt. So lebte er denn herrlich und in Freuden, aber nach und nach überkamen ihn doch Ängste und er hätte den Pakt gern widerrufen, aber es war zu spät. In seiner Not vertraute er sich einem alten Schäfer an, der durch seine Weisheit berühmt war. Er gab ihm folgenden Rat. Er sollte den Teufel um einen Scheffel voll Gold bitten. Ein kleiner Scheffel fasste 25 kg und ein großer Scheffel fasste 40 - 45 kg. Auf dem Rhinsberg, so riet ihm der Schäfer, sollte er ein Loch ausheben und einen Scheffel mit einem beweglichen Boden über das leicht verdeckte Loch aufstellen und sich das Gold in den Scheffel schütten lassen. An einem vorherbestimmten Termin kam um Mitternacht der Teufel mit einem Sack voll Gold zum Rhinsberg und schüttete das Gold in den Scheffel. Da der Scheffel sich nicht füllte, flog der Teufel erneut los und brachte mehr Gold, aber auch das füllte den Scheffel nicht. Schließlich rief der Teufel wütend: „Liepel, Liepel, Läpel, wat häst für´n groten Schäpel?“ Da schlug die Uhr vom Turm der Kirche in Landin eins und der Vertrag mit dem Teufel war nicht erfüllt worden. Lippold von Bredow war wieder frei und führte nun ein gottesfürchtiges, tugendhaftes Leben. Seitdem heißt der Berg Teufelsberg. Das Loch ist heute noch zu sehen.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.08.2017


 

Das Feenschloss

Wenn man die Straße von Rathenow nach Landin fährt, ist links vor dem Havelländischen Hauptkanal eine kleine Lichtung, die im Volksmund als „Feenschloss“ bezeichnet wird. Dort scheint den ganzen Tag die Sonne, wenn sie denn scheint, und eine Geschichte berichtet, dass der junge Bauernsohn Bartholomäus Mewes aus Landin im Juni in einer Vollmondnacht auf die Jagd ging, als er durch eine feine Musik zum Feenschloss gelockt wurde. Er sah dort ein kleines Schlösschen, vor dem 12 Feen im Mondlicht tanzten. Sie winkten ihm zu und er ging auf die Lichtung, wo ihm die Feen süßen Wein und gezuckerte Früchte anboten. Er tanzte mit den Feen die ganze Nacht hindurch. Sie sangen immerfort ein und dasselbe Lied.

Im Mondlicht tanzen wir Feen;
wir schweben über Wälder und Seen.
Den Menschen bringen wir Glück
und kommen hierher zurück.

Als die ersten Morgenstrahlen am Horizont zu sehen waren, fiel er in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst gegen Abend am Waldrand erwachte. Von nun an besuchte er in den Vollmondnächten oft das Feenschloss und tanzte mit den Feen. Es war wie ein Zauber, der ihn immer wieder zum Feenschloss lockte.
Auf einem Fest in Landin lernte Bartholomäus Mewes einmal die schöne Tochter des Müllers aus Kriele kennen und verliebte sich in sie. Christlinde Müllerin, wie sie genannt wurde, war auch ein anmutiges Mädchen mit wunderschönem Haar und blitzenden Augen. Nachdem die Ernte eingebracht war, wurde in Landin eine große Bauernhochzeit gefeiert. Es gab Wein, Bier und Braten. Als Vorspeise aßen die Gäste Milchreis mit Fischen, was alle sehr liebten. Der Fisch war in einer Essigmarinade eingelegt und wurde als Soße über den Reis gefüllt. Nach der Hochzeit kam der Winter und der junge Ehemann lebte mit seiner Frau glücklich und zufrieden.
Als er im nächsten Frühjahr wieder auf die Jagd ging, streifte er bei Vollmondnächten oft am Feenschloss vorbei. Das Schloss und die Feen blieben aber seinen Augen verborgen und die Musik hat er auch nie mehr vernommen, nur die Erinnerung blieb ihm bis ins hohe Alter lebendig vor Augen und er erzählte seinen Kindern und Enkelkindern oft davon.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.07.2017


 

Die versunkene Kutsche im Landiner See

 
Die Sage berichtet, dass auf dem Hohen Rott früher ein Riese lebte und auf dem Rütscheberg ein Riesenfräulein. Zwischen den Hügeln befand sich ein Sumpf, der immer einen großen Umweg erforderlich machte, wenn sich die beiden, die sich sehr lieb hatten, sehen wollten. Das Riesenfräulein kam deshalb auf die Idee, ihre Schürze mit Erde zu füllen und die Erde in das Luch zu werfen. So war beiden geholfen. Wenn der Riese mit einem Bein auf dem Hügel trat, war er mit dem anderen Bein bei seiner Geliebten. Wo das Riesenfräulein den Sand entfernte, befindet sich heute der Landiner See.
Jeder Pfarrer auf dem Dorf hatte in früheren Zeiten einen Acker, den er selbst bewirtschaften musste. Als ein Pfarrer mit seiner jungen Frau neu in Landin war, säte er auf dem Pastorenacker Weizen aus und ging jeden Tag, um nachzuschauen, ob die Weizensaat schon aufgegangen waren. Aber es braucht alles seine Zeit und meistens kam er unverrichteter Dinge vom Feld heim. Die Bauern in Landin bemerkten natürlich, was da vorging. Ein Bauer sagte ihm deshalb am Sonntag nach dem Gottesdienst: “Herr Pastor den Weiten mütt Se nich alle Dage bekieken, de wasst van alleen.“ Früher waren die Pastoren ja mit Pferd und Wagen unterwegs. Die Pfarrer hatten auch damals schon mehrere Dörfer zu versorgen. Als er einmal in Haage predigte, geriet er am Abend bei der Heimfahrt nach Landin in ein fürchterliches Gewitter. Er konnte in seiner Pferdekutsche nicht die Hand vor Augen sehen. Durch den krachenden Donner scheuten die Pferde und das Gefährt kam in wilder Fahrt vom Wege ab. Der Pastor konnte seine Kutsche nicht mehr lenken und fuhr direkt in den Landiner See, wo er mit Mann und Maus im Moor versank. An der Stelle, wo der Pastor mit seiner Kutsche verunglückte, soll der See auch heute nicht zufrieren. Deshalb nennt man die Stelle noch immer „Das Pastorenloch.“

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.06.2017


 

Karl und Betty

 
Betty Ast wohnte mit ihrem Mann Karl in der Nähe der kleinen Dorfkirche in Landin. Jeden Sonntag ging das Ehepaar zum Gottesdienst. Im Winter war es in der Kirche zu kalt und da feierte man alle Gottesdienste in der Gaststube des Gasthofes Max Muchow, der inzwischen Hertha Brunow gehörte. Hertha Brunow war eine fromme Frau, die mit allen Pfarrern engste freundschaftliche Beziehungen pflegte. So war es für sie selbstverständlich, dass sie ihr Haus im Winter für die Gottesdienste öffnete. Dafür nahm sie sich das Recht heraus, die Predigten und den Gottesdienstablauf heftig zu kritisieren. Der Pfarrer konnte predigen, was er wollte, es gab immer Kritik. Eine Ausnahme gab es aber doch. Der Pfarrer Karl Domsch lobte Hertha Brunows Engagement für die Kirchengemeinde in den höchsten Tönen, was sie denn doch dazu bewegte, mit ihm Milde walten zu lassen. Als Pfarrer Karl Domsch in Rente ging, ließ er sich in Gelsenkirchen nieder und lud Hertha Brunow zu einem Besuch ein, was sie sehr gern annahm.
Elfriede Müller kam zu jedem Gottesdienst aus Kriele und spielte auf dem alten Klavier in der Gaststube die Liturgie und die Gemeindelieder. Betty Ast sang mit Leidenschaft, denn sie hatte eine schöne Stimme. Ihr Lieblingslied war „So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig` Ende und ewiglich“ nach der Melodie von Friedrich Silcher. Sie war zwölf Jahre jünger als ihr Mann Karl. Die Astens hatten einen Kredit aufgenommen und ein kleines Häuschen in der Parkstraße für ihren Sohn gekauft. Es war damals schwer, den Kredit abzuzahlen. Als Betty Ast bei einer Geburtstagsrunde bei Hertha Brunow saß, meinte sie: “In zehn Jahren werden wir den Kredit für das Häuschen abgezahlt haben. Schade, dass Karl das nicht mehr erleben wird.“ Karl Ast war ja sehr viel älter und schon etwas kränklich. Doch Gottes Wege sind anders, als die Menschen denken. Betty bekam Darmkrebs und starb nach ihrem 70. Geburtstag, während Karl über 90 Jahre alt wurde und hoch betagt in einem Rathenower Altenheim starb.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.05.2017


 

Die Carmen von Landin

Hertha Victoria Elisabeth Brunow (*03.01.1904 in Berlin - † 20.07.1983 in Landin) wuchs mit ihren Eltern in Berlin in der Holzmarktstraße auf. Der Vater Arnold Emil Gustav Brunow stammte aus Landin und war Straßenbahnfahrer in Berlin. Er hatte sich seine Frau Anna Pauline Luise Brunow, geborene Muchow, aus Landin geholt. Die frühesten Erinnerungen von Hertha Brunow waren der Besuch der Kaiserlichen Paraden in Berlin, wo die Eltern sie hochhoben, damit sie den Kaiser Wilhelm II. sehen konnte. So ist es nicht verwunderlich, dass sie bis an ihr Lebensende eine Verehrung für das Kaiserreich in sich trug. Die Schule besuchte sie mit ihren Freundinnen Charlotte Jungnickel und Margarethe Brunow in Berlin. Die Freundinnen trafen sich auch später, so oft es ging in Landin. Natürlich verbrachte Hertha ihre Ferien regelmäßig in Landin bei dem Großvater Ferdinand Muchow, der ein Restaurant und eine kleine Bauernwirtschaft mit seiner Frau betrieb. Es stand über dem Haus „Gasthaus zur Erholung von Ferdinand Muchow.“
Es gab großartige Feste im Saal der Gastwirtschaft und im Sommer natürlich unter den alten Bäumen an der Straße, die von Rathenow nach Friesack führte. Dort wurden Zelte aufgebaut und man schwelgte bei Bier und Braten bis zum frühen Morgen. Es sind die schönsten Jugenderinnerungen, die sich bei Hertha Brunow mit Landin verbanden.

Hertha Brunow besaß Brillantschmuck und trug ihn auch. Kostbare Ohrringe und Broschen, dazu manch edler Ring, den ihre Hände zierten, brachten ihr den Namen „die Carmen von Landin“ ein. Natürlich gab es auch eine Jugendliebe. Die wohnte aber ausgerechnet in Cochstedt im Harz und ehe die zwei zusammenkommen konnten, kam der Krieg (1939 -1945), der eine Zäsur im Leben von Hertha Brunow darstellte. Ihr Freund fiel in den ersten Kriegstagen und ihre Wohnung in Berlin in der Holzmarktstraße 10 wurde durch den Krieg zerstört, sodass die ganze Familie in Landin Zuflucht nehmen musste. Betty und Max Ebel aus Rathenow kamen nach Kriegsende noch dazu, denn auch sie verloren ihr Haus in den Nachkriegswirren. Max Ebel hieß eigentlich Max Fick, hatte aber, als er heiratete, seinen Namen ändern lassen. Nach 1945 betrieb Hertha Brunow die Gaststätte von ihrem Onkel Max Muchow mit ihren Tanten weiter in sehr bescheidenem Umfang. Es gab einen kleinen Laden und sie war Leiterin einer kleinen Sparkassenagentur. Als der Onkel Max Muchow starb, wurde die Landwirtschaft, die sowieso an die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft gefallen war, eingestellt.

Hertha Brunow war in Ermangelung derer von Bredows, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Teil von Deutschland emigriert waren, „die Grande Dame von Landin“ und stellte eine Institution dar, an der man unschwer vorbeikam. Die Gaststätte blieb aber lange Zeit die Domäne der Tanten und ihrer Nichte Hertha. Alle Tanten starben kinderlos und setzten Hertha Brunow als Erbin ein. Sie hatte immer guten Kontakt zu ihren Hausärzten gehalten. Der Dr. Ludewig und der Medizinalrat Rolf Zimmermann (Ärztliche Direktor des Paracelsus-Krankenhauses in Rathenow) wurden zu Freunden. Ein entfernter Verwandter Heinz-Walter Knackmuß besuchte sie ab und an mit seinem Vater. Sie kamen aus Semlin mit dem Fahrrad angeradelt und es entspann sich eine engere Bindung. Als dann Heinz-Walter Knackmuß von 1964 - 1970 Humanmedizin in Berlin studierte, wurden die Bande noch intensiver. Als er später Kreishygienearzt in Rathenow war, kam er oft nach Landin und spielte mit den Damen Karten. Auch wurden gemeinsame Reisen nach Berlin, zur Kyritzer Insel und in die nähere und weitere Umgebung unternommen. Hertha Brunow war aber auch in der Kirchengemeinde von Landin engagiert und pflegte mit allen Pfarrern intensive Beziehungen. Die Arbeit der Pfarrer wurde sehr kritisch beurteilt und es fehlte nicht an guten Ratschlägen gegen den atheistischen Staat, der im Umgang mit Christen doch manchmal recht rigoros verfuhr. Hertha Brunow hielt mit den Menschen in Landin guten Kontakt. Der Laden, die Gaststätte und die Sparkassenagentur brachten genug Berührungspunkte mit vielen Menschen. Der Garten war in Notzeiten eine wichtige Nahrungsquelle. Die Birnen, Äpfel und Pflaumen, die Johannesbeeren, die Kartoffeln und Zwiebeln wurden geerntet und eingelagert. Hertha Brunow und ihre Tanten weckten die Früchte aus dem Garten ein und schlachteten die Gänse und weckte Gänsekeulen ein. Der Garten war fruchtbar, denn man hatte einige Wagen Lehm zu dem Sandboden gebracht, was den Boden sehr verbesserte. Vor Weihnachten warf der Förster Hans Babucke ihr einen Tannenbaum auf den Hof. Die Geburtstage wurden groß mit den Nachbarn und Verwandten gefeiert, meistens in der Gaststube, die später auch zum Wohnzimmer umfunktioniert wurde. Hertha Brunow blieb als Einzige von der Großfamilie in dem Haus allein zurück und bemühte sich nach dem Tode ihrer Onkel und Tanten das Anwesen in Ordnung zu halten. Am 20.07.1983 starb sie in diesem Haus an einem Herzleiden. In ihrer Todesstunde betete sie aus dem berühmten Lied „Befiel Du Deine Wege“ von Paul Gerhardt, wo es im letzten Vers heißt: „Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit Deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.“

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 01.04.2017


 
 

Die offene Friedhofstür in Landin

Der Friedhof um die kleine Landiner Dorfkirche war immer gut gepflegt. Jeder wollte die Gräber seiner Lieben auf das Beste präsentieren, einmal, damit die Menschen sehen, wie sehr man den Verstorbenen geliebt hat und zum anderen gab es auch einen „sozialistischen Wettbewerb“ um das schönste Grab im Dorf. Nicht jeder hatte ein Händchen dafür oder einen grünen Daumen. Es gab auch einen Mangel an schönen Blumen und so säte man schon im Winter in Töpfen zu Hause aus, was dann einmal die Gräber schmücken sollte. Im Frühjahr und im Sommer war es schon eine Pracht, über den Friedhof zu gehen. Der Adel hatte da eine ganz andere Vorstellung. Auf den Gräbern wurde Efeu gepflanzt und so war das Grab das ganze Jahr über grün, was ja auch eine Art Schmuck ist. In der Lindenallee, die zur Kirche führte, gab es ein Schwirren und Summen, denn die Bienen holten sich den Nektar für den begehrten Lindenblütenhonig vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. In Landin hatte jeder nach dem Krieg (1939 -1945) Hühner. Wo es Eier und Fleisch nicht im Überfluss gab, war das einfach eine Notwendigkeit. Direkt am Friedhof wohnten Elfriede und Erich Rühle. Natürlich suchten die Rühleschen Hühner nicht nur auf dem Hof ihr Grün. Vor dem Gehöft war ja ein schönes Stück Rasen, das geradezu einlud, dort zu picken und zu scharren und wenn dann noch die Tür zum Friedhof offenstand, war das ideal für die Hühner. Sie suchten schnell mal auf dem Friedhof in den Gräbern, ob da nicht ein Käferchen zu finden war. Die Landiner ärgerten sich darüber. Denn kaum hatten sie ihre Kunstwerke auf den Gräbern fertig und alles schön geharkt, kamen die Hühner und scharrten auf dem Friedhof, sodass alle Pracht perdu war. Es wurde also angeordnet, dass die Tür zum Friedhof ständig zu schließen sei und wehe, wenn einer doch mal die Tür offenstehen ließ. Das gab böse Auseinandersetzungen. Aber die Hühner waren ja nicht dumm. Sie flogen in die Bäume, die direkt am Zaun zum Friedhof auf dem Rühleschen Hof standen und erreichten so ihr Ziel auch. Das gab wieder neuen Zank um die Hühner von Elfriede und Erich Rühle. Die Rühles mussten versprechen, die Flügel der Hühner zu stutzen, damit sie nicht mehr über den Zaun fliegen konnten. Ob das den Hühnern gefallen hat, weiß ich nicht, aber der dörfliche Friede war so wiederhergestellt.

© Dr. Heinz-Walter Knackmuß 04.03.2017


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